Warum die Gipfelkonferenz scheiterte

Von Theo Sommer

Paris, im Mai Dies war die verblüffendste Gala-Vorstellung, die Chruschtschow je veranstaltete: Der Zaubermeister griff in die Luft, fing ein Insekt, strengte gewaltig seinen Atem an und blies es auf zu unheimlicher Größe. Nachdem er so aus der Mücke U 2 einen Elefanten gemacht hatte – so fett und schwer, daß für die Mitspieler Chruschtschows auf der Weltbühne kein Platz mehr zu freiem Agieren blieb, schlug der Gast aus Moskau mit lautem Krach die Türen zu. Sein Gegenspieler Eisenhower sei von diesem Schaustück angewidert – so ließ der Sprecher des USA-Präsidenten, Hagerty, wissen.

Angewidert – das ist ein starkes, aber auch noch nobles Wort. Denn hatte der Präsident der USA nicht bereits alles getan, was er tun konnte? Er hatte erklärt, er bedaure den Luftzwischenfall von Swerdlowsk, und es würden weitere Spionageflüge über sowjetischem Boden nicht mehr stattfinden. So hätte sich denn Chruschtschow mit dieser Erklärung zufriedengeben können, zumal er noch kurz zuvor zu verstehen gegeben hatte, am "Fall U 2" solle die Gipfelkonferenz nicht scheitern, die ja vor allem auf seine eigene Initiative zurückging. Aber die Eisenhowerschen Erklärungen genügten ihm nicht. Er forderte Entschuldigungen in aller Form, Bestrafung der Männer, die für jenen – freilich zur Unzeit befohlenen – Aufklärungsflug verantwortlich sind. Er wollte den Canossa-Gang seines Gastgebers von Camp David. Sollte Eisenhower also bittflehend vor ihm auf die Knie rutschen und dem Herrn des Sowjetreichs die Stiefel lecken – er, der Feldherr, der Rußland im letzten Kriege vor dem sicheren Untergangbewahren half?

"Wenn wir spielen, dann spielen wir", hatte er vor seinem Abflug aus Moskau gesagt. "Wenn wir kämpfen, dann kämpfen wir!" In Paris ließ Nikita Chruschtschow die Welt nicht lange im Zweifel darüber, daß er in kämpferischer Stimmung war. Sein erstes Auftreten verurteilte das Treffen der Großen Vier zum Scheitern, noch ehe es eröffnet war: Kaum begonnen, schon zerronnen. Es ist kein Zweifel, daß der sowjetische Ministerpräsident es von vornherein darauf angelegt hat, die Gipfelkonferenz zu torpedieren. Sheilock forderte sein Pfund Fleisch. Er forderte es beharrlich, brutal und theatralisch.

Er wußte, was er tat

Chruschtschow mußte wissen, daß er den Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht behandeln konnte, wie Wilhelm II. einst nach dem Boxer-Aufstand den chinesischen "Sühne-Prinzen" behandeln ließ. Er mußte sich auch im klaren sein, daß er vom Chef einer Großmacht nicht die "Bestrafung der Schuldigen" fordern konnte – und dies obendrein in einer Art, die-sich die Österreicher im Jahre 1914 nicht einmal gegenüber den Serben hatten erlauben dürfen, als es um die Attentäter von Sarajewo ging, deren Schüsse den ersten Weltkrieg auslösten. Wenn Chruschtschow dennoch den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika schurigelte, wie Hitler vor 21 Jahren den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Hacha, und wenn er die Vermittlungen Macmillans ausschlug, dann kann er es nur mit dem Vorsatz getan haben, die Gipfelkonferenz gar nicht stattfinden zu lassen.