Von Hermann Bortfeldt

Der folgenden Arbeit wurde der 2. Preis zuerkannt in einem Wettbewerb, den das Sonderprogramm des Bayerischen Rundfunks unter dem Titel „Wissenschaft und Publizistik“ veranstaltete. Aufgabe war es, Forschungsergebnisse der Wissenschaft in allgemeinverständlicher und allgemein interessierender Form darzustellen.

Der Schneidergeselle Wilhelm Weitling aus Magdeburg, Verfasser revolutionärer Schriften, verabredete im Jahre 1842 in Zürich mit dem geflüchteten russischen Revolutionär Bakunin, daß er jeden Tag eine Stunde zu ihm kommen werde, um sich über Hegel belehren zu lassen. Weitling erzählte später: „Die er;te Stunde war ich gespannt, weil ich etwas erwartete, und mein Lehrer war zufrieden. In der nächsten kamen wir an das Wort Geist. Ich wollte mich nicht darüber hinwegführen lassen, ohne daß mir der Sinn dieses Wortes, wie er in Buche gebraucht, gehörig definiert werde. Ich wollte erst wissen, was Geist sei. Bakunin aber wollte, daß ich ihm einstweilen ohne diese Erklärung weiterfolge. Ich versuchte es aus purer Gefälligkeit gegen Bakunin, aber es ging nicht. Ich fühlte, daß mein Verstand auf diese Weise in die Irre geführt werde. Und das Studium der Hegeischen Philosophie hatte für mich ein Ende“ Hegel (1770–1831) selber hat seinen Studenten und seinen Lesern niemals mitgeteilt, was er unter „Geist“ verstehe. Er hat oft vom „Widerspruch“ gesprochen und so getan, als wisse jeder ganz genau, was er damit meine, und hat sich auch darauf verlassen, daß es der Zusammenhang schon ergebe, warum er den Ausdruck „Dialektik“ in einem ganz anderen als dem bis dahin üblichen Sinne gebrauchte.

Bis zu Hegel hatte man nämlich unter Dialektik, den alten Griechen folgend, fast ausnahmslos die edle Kunst verstanden, einen Diskussionspartner im Redewettstreit mattzusetzen. Diese Etklärung des Begriffes Dialektik findet sich jetzt noch in allen philosophischen Wörterbüchern. Aber die gelehrten Nachschlagewerke versagen, wenn man wissen möchte, was die Dialektiker von heute unter Dialektik verstehen, wenn man nach der heute am weitesten verbreiteten Spielart der Dialektik, dem vieldiskutierten „Diamat“, der geheimnisvollen „materialistischen Dialektik“ fragt. Daran kann man allerdings den Verfassern der Wörterbücher nicht ohne weiteres die Schuld geben. Die materialistischen Dialektiker nehmen für sich in Anspruch, als einzige rechtmäßig erklären zu können, was Dialektik sei. Sie erheben darüber hinaus den Anspruch, als einzige richtig erklären zu können, was die Welt sei – nämlich „Materie“. Für die Dialektik aber geben sie entweder eine sehr kurze Erklärung, die gar nichts sagt, oder eine sehr lange, in der viele Begriffe stecken, die selbst wieder erklärungsbedürftig sind

Die beliebteste Kurzerklärung stammt von Friedrich Engels (1820–1895) und lautet: „Du Dialektik ist weiter nichts als die Wissenschaft vor, den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.“ Weiter nichts... Es gibt wohl kaum noch einen philosophischen Satz, der so wie dieser geeignet ist, unseren Appetit zu wecken!

Die vorläufig letzte längere Erklärung, die heute noch von den meisten Anhängern des Diamat als gültig angesehen wird, stammt von Stalin (1879–1953), der vier „Grundzüge der dialektischen Methode“ zusammengestellt hat. Dem ersten Grundzug zufolge „betrachtet die Dialektik die Natur ... als zusammenhängendes einheitliches Ganzes, wobei die Dinge, die Erscheinungen miteinander organisch verbunden sind, voneinander abhängen und einander bedingen“. Nach dem zweiten Grundzug betrachtet die Dialektik die Natur „als Zustand unaufhörlicher Bewegung und Veränderung, unaufhörlicher Erneuerung und Entwicklung, in welchem immer irgend etwas entsteht und sich entwickelt, irgend etwas zugrunde geht und sich überlebt“.

Der dritte Grundzug führt aus, daß es sich um eine Entwicklung handele, die „von unbedeutenden und verborgenen quantitativen Veränderungen zu sichtbaren Veränderungen, zu grundlegenden Veränderungen, zu qualitativen Veränderungen übergeht, in welcher die qualitativen Veränderungen nicht allmählich, sondern rasch, plötzlich, in Gestalt eines sprunghaften Übergangs von dem einen Zustand zu dem anderen Zustand eintreten, nicht zufällig, sondern gesetzmäßig, als Ergebnis der Ansammlung unmerklicher und allmählicher quantitativer Veränderungen“. Und dem vierten und letzten Grundzug nach „geht die Dialektik davon aus, daß den Naturdingen, den Naturerscheinungen innere Widersprüche eigen sind, denn sie alle haben ihre negative und positive Seite, ihre Vergangenheit und Zukunft, ihr Ablebendes und sich Entwickelndes, daß der Kampf dieser Gegensätze, der Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen Absterbendem und sich Entwickelndem, den inneren Gehalt des Entwicklungsprozesses, den inneren Gehalt des Umschlagens quantitativer Veränderungen in qualitative bildet“.