Wie Chruschtschow seinen Gastgeber von Camp David beleidigt und von "reiner Seele" spricht

Von Thea Sommer

Paris, Mitte Mai

Zu welcher Konferenz, Monsieur?" Der Taxifahrer, der mich am Montag früh zum Palais Elysée bringen sollte, fragte in ehrlicher Wißbegierde: "Quelle Conference?"

Die Großen Vier, das Gipfeltreffen und das erste vernehmliche Ächzen des diplomatischen Räderwerks – all das hatte ihn bisher kalt gelassen. Es gibt ja ständig Konferenzen in dieser Stadt. Außerdem ist ihm der Frühling wichtiger: Mai an der Seine ...

Warm, veränderlich, gelegentlich Schauer – so stellen sich den Parisern bei der Zeitungslektüre am Frühstückstisch die Wetteraussichten dar. Viele richteten danach ihre Blicke zum blauseidenen Mai-Himmel, den Chruschtschows neues "Raumschiff" Sputnik IV täglich achtzehnmal durchqueren sollte. Aber daß ein historischer Tag angebrochen sei, einer der dramatischsten Tage der Nachkriegsgeschichte, das war am Montag, dem 16. Mai 1960 um 8.00 Uhr in der Frühe, nur wenigen bewußt.

Zu eben dieser Stunde, während die Kinder auf dem Weg zur Schule waren, verließ Nikita Sergejewitsch Chruschtschow die Sowjetbotschaft in der Rue de Grenelle, am linken Ufer der Seine. Wie tags zuvor, als er auf dem Lande, vor den Toren von Paris, einem französischen Nachbarn seines Botschafters Winogradow mit der Sense in der Hand demonstrierte, wie man Rasen mähte, begab sich Harun al Chruschtschow unters Volk. Es war dies seine Stunde der Leutseligkeit und der Bonhomie – seine einzige an diesem Tag,