Polygamie und Monogamie

Mit größtem Vergnügen lese ich Ihre Anlagehinweise für Ersparnisse „kleiner Leute“, und kann Ihnen zu Ihren, mit großer Sachkenntnis geschriebenen Analysen der Geldmarkt- und Börsenvorgänge nur gratulieren. Neulich ist mir ein Problem aufgestoßen, dessen Lösung mir einiges Kopfzerbrechen bereitet hat:

Ein wackerer Bundesbürger hat sich in eine Aktiengesellschaft „verliebt“ und kauft gemächlich, wie es seine Ersparnisse zulassen, alle zwei, drei, vier Monate eine Aktie dieser Gesellschaft. Nun muß er eines Tages auch einmal eine Aktie – mit einigem Kursgewinn, versteht sich – verkaufen, und zwar unglückseligerweise 2 1/2 Monate, nachdem er die letzte gekauft hat. Die Quittung erhält er vom Finanzamt. Er muß „Spekulationssteuer“ bezahlen. Vergeblich weist der Bürger darauf hin, daß er seiner Bank – nummernmäßig nachweisbar – ein Stück zum Verkauf aufgegeben hat, das er schon weit länger besitzt. Das Finanzamt zeigt ihm eine Entscheidung des Reichsfinanzhofes aus dem Jahre 1928 (!), nach der für Privatleute zu gelten hat: Die zuletzt gekaufte Aktie gilt als zuerst verkauft (last in – first out).

Können Sie mir vielleicht sagen, warum der „monogame“ Aktienverkäufer gegenüber dem „polygamen“ benachteiligt wird? Die Gründe, die der RFH dafür anführt, scheinen mir nicht sehr stichhaltig. Der Polygamist kann auf Grund der Aktiengattung den Zeitpunkt seines Erwerbes nachweisen, der Monogamist nur nummernmäßig (und bei Girosammelanteilen nur postenmäßig). Aber worin liegt der Unterschied?

W. M., Köln.

Antwort: Die steuerliche Bevorzugung des „Polygamisten“ ist natürlich ärgerlich; sie resultiert aus dem ständigen Mißtrauen der Finanzämter, von den Steuerpflichtigen betrogen zu werden. Auch hier wird vorausgesetzt, daß der Steuerpflichtige nicht steuerehrlich ist, und deshalb wird für ihn von vornherein der ungünstigste Fall angenommen. Da kann man nichts machen.

Helfen kann nur zweierlei: man soll sich nicht nur in eine Aktiengesellschaft verlieben, sondern mindestens in zwei. Dann würde der von Ihnen zitierte Bundesbürger mit den Sperrfristen zurechtkommen, solange sie noch drei Monate betragen. Die Bundesregierung, in der Meinung, dadurch die Konjunktur in gesunde Bahnen lenken zu können (!), will diese Sperrfrist bekanntlich aber auf sechs Monate verlängern. Zweitens kann man sich helfen, wenn man der Ehefrau ebenfalls ein Wertpapierkonto einrichtet und dann eine Aktie für sich und die nächste für seine Frau erwirbt. Man lieht dann die Kaufsdaten entsprechend auseinander.

Aber jetzt ein Hinweis: In diesem Fall darf man die Angelegenheit nicht dramatisieren, denn Spekulationsgewinne bis zu 1000 DM in einem Jahr sind steuerfrei. Erst wenn die 1000-DM-Grenze überschritten wird, verlangt das Finanzamt, am Gewinn beteiligt zu werden. Aber dann mit dem gesamten Betrag. Wenn man eine Aktie nach Ablauf von 2 1/2 Monaten wieder verkauft, dann wird nur ganz selten die 1000-DM-Grenze überschritten. So etwas ist nur bei wenigen Papieren möglich.