/ Von Robert Neumann

Ich traf Ludwig Marcuse erst vor ein paar Wochen in München wieder. Er war ein wenig verändert – er, nicht seine reizende Frau (Sascha ist reizend!) –, aber seine wilde Löwenmähne schien mir etwas falber geworden zu sein und dazu noch aufs bedauerlichste haarkünstlerisch verkürzt! Und dann erst erinnerten wir uns, daß es zweiundzwanzig Jahre her war seit unserer letzten Begegnung. Unversehens – zweiundzwanzig Jahre hatten wir einander nicht mehr gesehen, seit 1938 in Sanary. Und dann erst erinnerten wir uns: Wir waren damals in großer Feindschaft auseinandergegangen!

Wir saßen nah beieinander, im Jahre 1938 in dem kleinen Fischerort Sanary bei Toulon. Thomas Mann und Aldous Huxley waren weitergezogen, aber Werfel und Feuchtwanger waren dort, mitunter auch Arnold Zweig, und stets Friedrich Wolf, der da auf dem Weg von Moskau nach dem Spanischen Bürgerkrieg hängengeblieben war, und Marcuse, und eben ich.

Feuchtwangers Sekretärin, ein ungemein geschwätziges Mädchen, vertraute mir an, Marcuse habe ihrem Chef eben anvertraut, er arbeite an einer Plato-Biographie. Das dürfe man aber niemandem anvertrauen, sonst nehme ihm noch jemand, Gott behüte, das unerhört originelle Thema weg.

Worauf ich es Friedrich Wolf anvertraute. Und nachmittags gingen wir natürlich alle zu Marcuse zum Tee, und ich sagte über den Teetisch weg: „Sie, Wolf, da schreibt mir heute die Metro-Goldwyn, sie plane einen Plato-Film. Ob ich den schreiben wolle. Ich will, aber nicht allein. Haben Sie Lust, da mitzutun?“

Er habe, sagte Wolf, und er und ich besprachen sofort – nein, wir besprachen es nicht mehr. Marcuse hatte sich grauen Gesichts erhoben und war aus dem Zimmer gewankt. Seine Frau folgte ihm erschreckt und kam wieder mit der alarmierenden Nachricht: er liege mit einem Tobsuchtsanfall danieder. Wolf, ein Kommunist und brav, dürfe zu ihm, um sich zu entschuldigen; was aber mich betreffe, so sei Marcuses Blutdurst unkontrollierbar. Er sei eben in den Hundezwinger hinausgestürzt, um seine beiden riesigen Fleischerhunde loszuketten und auf mich zu hetzen, und sie, Sascha, flehe mich an, lieber einen strategischen Rückzug anzutreten als mich in Stücke reißen zu lassen.

Ich trat den Rückzug an. Ein tausendjähriges Reich ging über uns hin, ein Weltkrieg – nun, und da saßen wir einander nun also gegenüber, in München, um sehr viel mehr als zweiundzwanzig Jahre älter geworden in zweiundzwanzig Jahren, und gefiel ich ihm nur halb so gut wie er mir, so gefiel ich ihm sehr. – Schon an der Tür, seine Hand in der meinen, sagte ich: „Und jetzt, Marcuse: Hätten Sie mich damals wirklich von Ihren Fleischerhunden zerreißen lassen?“ Er sagte: „Ich hatte sie nicht! Ich habe nie im Leben auch nur einen Mops gehabt!“