Von Paul Hühnerfeld

Daß die Menschen ursprünglich nicht vom Fluch der Individuation, des Einzel-Seins, verfolgt waren, lehrte vor nahezu zweieinhalbtausend Jahren der griechische Arzt und Philosoph Empedokles. Am Anfang, so erklärte er, seien Mann und Frau eines gewesen. Seit Gott sie getrennt habe, bewegten Haß und Liebe die Welt, gestalte sich Schicksal allein in diesen antipodischen Bewegungen. – An diese alte Lehre mußte ich denken, als ich jetzt das gesammelte Werk von Yvan Goll durchblätterte –

Yvan Goll: „Dichtungen; Lyrik, Prosa, Drama“, herausgegeben von Claire Goll; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied am Rhein, Berlin, Darmstadt; 840 S., 48,– DM.

Es sei erlaubt, anläßlich dieser Gesamtausgabe, die des Lyrikers Gefährtin Claire liebevoll und sorgfältig zusammengestellt hat, der literarischen Wertung einige persönliche Worte über den Mann vorauszuschicken, der dies alles schrieb. Ich hatte nicht das Glück, ihn persönlich zu kennen. Doch entnahm ich gleich der ersten Lektüre seiner Verse eine so schmerzvolle persönliche Intensität, daß ich das Gelesene nicht von dem trennen konnte, der es geschrieben hatte. Das ist natürlich falsch; dennoch ging es mir im Kopf herum, wie ein Mann, der über Jahrzehnte mit einer Frau so glücklich war wie Yvan Goll mit der seinen, so glutvolle Liebesgedichte schreiben konnte: Liebesgedichte entstehen doch meist aus der Diskrepanz, die sich zwischen der Möglichkeit der Liebe und ihrer Erfüllung auftut. Bei den Golls aber schien – soweit ein Fremder das beurteilen kann – beinahe jede Möglichkeit Wirklichkeit geworden zu sein.

Der junge Lothringer Yvan Goll, der von sich selbst einst sagte, daß er „mit einem französischen Herzen, deutschem Geist und jüdischem Blut“ sterben werde, hatte die junge Claire während der Schweizer Emigration im ersten Weltkrieg kennengelernt. Sie teilte seit dieser Zeit mit ihm das ganze schwere Leben: die Jahre in Paris, die Flucht nach Amerika, die Rückkehr nach Paris. Sie war Zeuge seines schweren, qualvollen Todes 1950. Als er seine Gedichte nach der Abkehr vom deutschen Expressionismus und der Zuwendung zum französischen Surrealismus (für den er eine fundierte literarische Theorie entwarf) französisch zu schreiben begann, übersetzte Claire sie zurück ins Deutsche: Enger kann eine Lebenssymbiose zwischen zwei Menschen kaum noch sein.

Goll schwebt jetzt in der Gefahr, vergessen zu werden (allerdings nur in Deutschland – nicht in Frankreich), obwohl er der jungen expressionistischen Garde angehörte, die heute doch überall wiederentdeckt wird. Als seine ersten Gedichte, die „Lothringischen Volkslieder“, 1912 erschienen, waren Else Lasker-Schüler und Georg Heym gerade schon da, Benn und Golls großer Landsmann Stadler bereiteten ihre ersten Veröffentlichungen vor; Wolfenstein, Stramm, Ehrenstein, Engelke und Trakl schrieben unmittelbar danach.

Damals war der junge Goll hin- und hergerissen zwischen Vefsen für die Heimat, die aber schon das merkwürdig gebrochene neue Lebensgefühl des Expressionisten spüren lassen, und Versen für die Welt, in denen der rauschhafte Hymnus der neuen Bewegung rein triumphiert. Für beides seien Beispiele angegeben, weil in beiden Ansätzen der ganze Goll schon spürbar wird: Zwischen inniger Melancholie und hingegebenem Hymnus richtet sich eine Existenz ein, die zeit ihres Lebens dem Himmel näher als der Erde sein wird, einer jener Menschen, die durch Leid immer lichter werden, bis sie schließlich gleichsam durchsichtig sind: