Von Ludwig Marcuse

Es zeigt sich immer wieder dasselbe Muster: Etwas Wichtiges wird aufgegriffen, wochenlang erweist jeder Redner, jede Zeitung, jeder Rundfunk dem Thema wortreiche Reverenz. Sogar mein kalifornisches Käseblättchen meldete damals: Die deutsche Vergangenheit ist nicht „bewältigt“ worden (was für ein häßliches, verräterisch-häßliches Wort ist „bewältigen“ in diesem Zusammenhang). Große Lamentationen über junge Deutsche, die nicht wissen, daß alte Deutsche teils gemordet haben, teils ermordet worden sind. Und eines Tages ist die Platte abgespielt, Schweigen im Walde, kein Hahn kräht mehr nach der Diskussion von gestern. Ich wollte gerade fragen: Welche Vergangenheit will man eigentlich bewältigen? Ist es nicht ein bißchen obenhin, die „unbewältigte“ Vergangenheit mit Buchenwald und Dachau gleichzusetzen? – Da war das Ganze schon wieder Vergangenheit, Schnee vom letzten Jahr.

Und dann wurde es plötzlich wieder ganz aktuell. Wieder machten sich viele Leute Sorgen darüber, was junge Deutsche nicht wissen.

Ergo, folgern die Siebenmal-Weisen, müßten die Lehrer ihnen mitteilen, was in Deutschlands schmachvollster Zeit geschehen ist. „Mit Takt“, fügen viele hinzu. Wie aber teilt man Bestialitäten mit Takt mit?

Immerhin, das Mitteilenswerte ist kein Problem. Es gibt da eine Menge vorzügliches Material: ernste Bücher, Filme, Illustrierten-Serien ... Es möge das alles noch einmal registriert werden. Es kann nichts schaden, das Leben Hitlers noch einmal im Film zu erzählen. Ich verspreche mir allerdings nichts davon. Denn die Frage ist: ob die Vergangenheit wirklich bewältigt wird, wenn die Hitler-Bücher von Konrad Heiden und Rudolf Olden nun auch noch auf der Leinwand erscheinen. Ich fürchte, man kann leicht den wesentlichsten Teil der Vergangenheit mit den schreienden Farben und den farbigen Schreien jener sensationellen Verbrechen übermalen, übertönen.

Denn: viel weniger bewältigt als die Morde der Räuberbande sind die Sympathien und Feigheiten der sogenannten „humanistischen“ Anti-Nazis, die oft wider Willen den Bestien in den Sattel geholfen haben – mit Gold und feinen Ideen.

Ich rede hier von großen Dichtern, Denkern und anderen Ideen-Machern, welche in dieser Rolle viel unbekannter sind als die industriellen Mäzene; und stelle vier Gruppen dieser höchst fragwürdigen Anti-Nazis und Nicht-Nazis vor: die liberal-idealistische, die radikal-pazifistische, die professoral-chauvinistische und die ebenso professoral-objektive. Sie distanzierten sich von der braunen „Bewegung“, sie schrien gegen sie (schon vor 1933 meistens nur innerhalb der vier Wände) – und waren Bahnbrecher: teils weil ihre Taktik Nachgeben war, teils weil sie fanden, daß eben doch ein gesunder Kern in der unfeinen Schale stecke. Es war, liebe Jungen und Mädchen von 1960, gar nicht gut bestellt mit den respektierlichsten deutschen Gebildeten – zu dem Zeitpunkt, als die Unterwelt in den Himmel zu wachsen begann.