Als der sowjetische Ministerpräsident am Wochenbeginn seine politische Bombe legte, war bei den Aktienkursen ein Rückschlag unvermeidlich. Während sich das deutsche Publikum darauf beschränkte, alle weiteren Käufe zu stoppen, setzten alsbald – aus dem Ausland kommend – Verkäufe ein, die in einzelnen Werten zu kräftigen Kursrückschlägen führten. Diese Reaktion war erwartet worden. Zu den "billigen" Kursen haben sich einige Leute eingedeckt. Die Zukunft wird zeigen, ob das richtig war, oder ob noch neue politische Tiefschläge die Börse beeinflußen werden. Im allgemeinen sprach man sich am Wochenbeginn gegenseitig Mut zu, auf die Erfahrung pochend, daß politische Kursschwächen stets sehr schnell überwunden wurden. Im Hintergrund stehen weiterhin ansehnliche Beträge, die für die Anlage in Aktien gedacht sind. Sie können – beruhigt sich die politische Situation – schnell eine Tendenzwende herbeiführen. Im Grunde ist man nämlich optimistisch gestimmt, was das Ausbleiben der Reaktion auf die Mindestreservenerhöhung beweist. Schlecht sieht es aber am Rentenmarkt aus. Neue Anleihen sind vorerst nicht in Sicht. Sollten sie kommen (die Bundesbahn braucht dringend Geld), dann wird man sich über den Zinssatz heftig streiten. Die einen rufen: "Marktgerechter Zins!" (also nicht unter 6,5 v.H.), die anderen wollen bei 6 v. H. bleiben und eher an der Laufzeit manipulieren. Aber weder ein marktgerechter Nominalzins noch Phantasie in den Emissionskonditionen werden den Rentenmarkt schnell wieder zum Leben erwecken. Steigende Kurse sind die beste Reklame – und davon trennt uns vorerst noch so manches. Immerhin sollte man sich merken, daß die Rendite bei den festverzinslichen Werten zur Zeit bei 6,75 v. H. liegt, damit ist sie um rund 4,5 v. H. höher als die durchschnittliche Aktienrendite. Daran wird man sich eines Tages erinnern. Aber erst wenn es bei den Aktien am Kurs nichts mehr zu verdienen gibt.

Kursgewinne wurden in der letzten Woche wieder groß geschrieben. Weniger bei den marktgängigen Papieren, dagegen besonders bei den Spezialwerten wie beispielsweise Karstadt und Kaufhof, die von der steigenden Massenkaufkraft mit Sicherheit profitieren werden. Daneben erzielten auch viele Zusatzaktienanwärter höhere Kurse. Immer mehr schält sich die Neigung der Unternehmen heraus, auf das erhöhte Kapital bereits rückwirkend Dividenden zu zahlen. Das läßt in vielen Fällen neue Kurssteigerungen als durchaus berechtigt erscheinen.

Bei den IG-Farben-Nachfolgern schoben sich die Kurse ebenfalls leicht nach oben. In den Hauptversammlungen wurde nichts gesagt, was eine Revision der zuversichtlichen Haltung notwendig machen würde, die man bisher diesen Papieren entgegenbrachte. Die Gesellschaften haben es verstanden, das Vertrauen breiter Anlegerkreise zu erwerben. Sie können deshalb ihren Aktionären auch hohe Bezugskurse zumuten. Anders sieht es bei den Montanen aus. Die erhöhte Mannesmann-Dividende hatte hier zwar eine leichte Wetterbesserung zur Folge, aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Obgleich wir uns inmitten eines Rekordjahres für Stahl befinden, steckt den Aktionären noch immer die! Stahl-Baisse des vergangenen Jahres in den Knochen. Zudem sind die Montan-Aktien innenpolitisch empfindlich. Das Abbröckeln der CDU-Mehrheiten bei den Länder- und Kommunalwahlen wird in den Börsensälen mit großer Sorge verfolgt. Eine SPD-Bundestagsmehrheit würde das Sozialisierungs-Gespenst wieder heraufbeschwören. Und in dieser Beziehung sind die schwerindustriellen. Werte nun einmal besonders empfindlich. Überhaupt wird man sich darauf einstellen müssen, daß spätestens im Herbst die Innenpolitik auf die Kursbildung einen größeren Einfluß als bisher nehmen wird. Dann treten wir nämlich in das Bundestags-Wahljahr ein. Kurt Wendt