Dazu kommt die Scheu vor der Kritik, aus einer gewissen Gemütsökonomie heraus. In dieser zeitlich streng geregelten Welt mit ihrer ungeheuren Überlastung für manche Positionen, zu denen auch die vieler Journalisten gehören, besteht die Tendenz, nur so viel Ärger auf sich zu nehmen, als zur Wahrung des eigenen Interesses und der elementarsten Berufsausübung erforderlich ist.

Diese beiden Verhaltensweisen, die sich aus der immateriellen Gefälligkeitsinterdependenz und der Gemütsökonomie ergeben, kennt die Gegenseite und hat es immer mehr gelernt, auf diesem Klavier virtuos zu spielen, gleichgültig, ob es sich um Pressereferenten, um Verbandssyndici, um Verleger, die an günstigen Rezensionen ihrer Werke interessiert sind, handelt. Sie versuchen, Gefälligkeiten von der Presse in Anspruch zu nehmen und damit ihre Kontrollfunktionen einzuschränken, nicht ahnend, daß sie selbst eines Tages unter den Einschränkungen dieser Kontrollfunktionen leiden können. Denn die Gefälligkeit, die einem durch Kritikunterlassung gewährt wird, schädigt den anderen, der unter dieser Unterlassung zu leiden hat, und dieser andere kann man eines Tages selber sein. Die Unterlassung gefährdet vor allem unsere demokratische Ordnung, die nur durch Wachsamkeit im kleinen wie im großen gewahrt werden kann.

Ich weiß, wie schwer es der Journalist unserer Zeit hat; ein bißchen erlebe ich ja selbst davon mit. Ich glaube auch zu wissen, in wie hohem Maße der Journalist unserer Tage in ihrer Schnellebigkeit und ihrem raschen Wechsel der Abnutzung ausgesetzt ist, wie sehr er mehr als mancher andere Geistesarbeiter auf die schöpferische Pause angewiesen ist.

Die amerikanischen Universitäten haben die sinnvolle Einrichtung des Sabbatjahres. Jeder amerikanische Universitätsprofessor ist von seinen amtlichen Verpflichtungen in jedem siebenten Jahr befreit. In diesem Jahr hat er Zeit, in Ruhe zu lesen, vielleicht zu schreiben oder zu reisen. Diese Ruhe, die in periodischen Abständen wiederkehrt, ist auch dem Journalisten zu wünschen. Er ist mehr auf sie angewiesen als vielleicht irgendein anderer Beruf. Ich bin überzeugt, daß diese Zeit des beschaulichen Konsums seiner redaktionellen Produktivität zugute käme. Wachsamkeit hat Wachheit zur Voraussetzung. Nur wer nicht müde, nicht abgenutzt ist, nicht in Routine ertrinkt, ist immer wieder empfänglich für neue Eindrücke und in der Lage, diese kritisch zu beurteilen.

Je komplizierter die Welt aber wird, je mehr sie sich spezialisiert, je stärker die Abgeordneten zur Spezialisierung tendieren und damit in die Gefahrenzone der Interessenten- und Ressortbefangenheit geraten, desto wichtiger ist es, daß eine im Prinzip noch universal orientierte Einrichtung, wie es die Presse bis heute zu sein vermag, wachsam bleibt. Die Freiheit verkümmern zu lassen, ist nicht minder gefährlich als der Mißbrauch der Freiheit.