Der Präsident des Bremer Senats, Bürgermeister Kaisen, hat auf dem Bankett, das im Rathaussaal zu Bremen anläßlich der Jahrestagung des Bundesverbandes der deutschen Industrie stattfand, einige Worte zum Lobe des deutschen Unternehmertums gesprochen, denen weit über den Anlaß hinaus grundsätzliche Bedeutung zukommt, und die nicht so schnell wieder vergessen werden sollten. An zwei Beispielen machte Bürgermeister Kaisen deutlich, wie sehr ihn Unternehmer-Leistungen der letzten Jahre "mit Bewunderung erfüllt" haben: er sprach vom Wiederaufbau bei Borgward ("das hätten meine Beamten nicht geschafft!") und vom Neuaufbau der Hütte Bremen durch Klöckner. Wie dieses Werk in zielbewußter Ausführung einer ersten und doch schon perfekten Planung schnell und ohne alle Friktionen zur Verwirklichung gebracht worden sei, das gehöre, so sagte Kaisen, zu seinen "schönsten Erlebnissen".

Wem die Gelegenheit gegeben ist, das Werk in seinem jetzigen Ausbaustadium zu sehen, wird gewiß einiges Verständnis für dieses Urteil des Bremer Staatschefs aufbringen. Auf einer Fläche von zehn Quadratkilometern, am rechten Ufer der Unterweser gelegen, mit eigenem Hafengelände, ergibt sich die Möglichkeit, in der Endphase eine Jahres-Kapazität von 4 bis 5 Mill. t Rohstahl mit allen Verarbeitungsmöglichkeiten zu schaffen. Das wäre dann gut das Sechsfache dessen, was jetzt, in der ersten Ausbaustufe (seit der Inbetriebnahme Mitte 1957) erreicht ist, und •zwar mit einem Investitionsaufwand von rund 400 Mill. DM. In der zweiten Ausbaustufe, die, nach einem Aufsichtsratsbeschluß der Klöckner-Werke AG von Ende 1959, nun beginnen soll, werden bis Ende 1961 weitere 200 Mill. DM aufzuwenden sein; damit wird die Stahlkapazität (von zur Zeit 600 000 t) auf etwa 1 Mill. t jährlich gebracht.

Das Stahlwerk, mit einem Hochofen und drei Siemens-Martin-Öfen, bildet die Produktionsbasis für eine Reihe von Walzwerken, die alle technischen Errungenschaften von heute verkörpern und in denen Warmbreitband sowie Bleche aller Arten, vom Grob- bis zum Feinstblech also, erzeugt werden. Außerdem kann feuerverzinntes Weißblech hergestellt werden. Das Warmwalzwerk enthält eine der größten Brammenstraßen Europas, und die Warmbandstraße ist die größte ihrer Art in der Bundesrepublik. – Beim weiteren Ausbau des Werkes, das trotz weitgehender Automatisierung der Fertigungsvorgänge heute bereits eine Belegschaft von rund 4000 Arbeitern und Angestellten hat, sollen zunächst zwei weitere Siemens-Martin-Öfen mit je 300 t Fassungsvermögen geschaffen werden, mit einem Gießkran, der etwa 475 t Tragfähigkeit haben wird, und der damit wieder eine neue Spitzenleistung für Europa darstellt. Entsprechend werden die Walzwerk-Kapazitäten durch zusätzliche Tief- und Stoßöfen sowie Warmhaspeln erweitert; ferner wird die Blechverarbeitung durch eine neue Kaltbandstraße ausgebaut, welche Bleche bis zur Breite von 1,90 m walzen kann; dazu wird eine elektrolytische Verzinnungsanlage neu errichtet. Entsprechend sind eine Reihe von Hilfsanlagen neu zu schaffen, und schließlich muß für eine Erweiterung der Energiebasis gesorgt werden, die im wesentlichen auf dem im Hochofenprozeß anfallenden Gichtgas sowie auf dem aus der Kokerei stammenden Koksofengas – letztlich also auf Kohle und Heizöl – beruht.

Der Entschluß, am tiefen Wasser des Seehafens und zugleich in unmittelbarer Nähe einiger Großverbraucher von Schiffs- und Autoblechen neu aufzubauen, ist von den leitenden Herren der Klöckner-Werke bereits um die Jahreswende 1953/54 gefaßt worden. Die Erschließung des Geländes begann Mitte 1955; zwei Jahre später bereits lief das Stahlwerk und bald danach auch das erste Walzwerk an. So begann dort, wo bereits 1907 ein reines Hochofenwerk entstanden war – nämlich die 1946 fast restlos demontierte "Norddeutsche Hütte" in Bremen-Oslebshausen –, der Aufbau eines kombinierten Stahl- und Walzwerkes auf einer Fläche, die genügend Raum zur Entfaltung bis zu Größenordnungen bietet, wie sie für den europäischen Kontinent bisher ohne Beispiel waren. So ist für die Klöckner-AG die Hütte Bremen als "Werk Nr. 12" neben die Zechen und Stahlwerke und neben die mannigfachen Zulieferer- und Verarbeitungsbetriebe getreten, die bisher schon im Raum Duisburg–Osnabrück–Köln-Troisdorf–Trier bestanden.

Erwin Topf