Es trennen uns höchstens fünfzehn Meter. Ich stehe hüben am Waldrand, er steht drüben. Durchs Glas mustern wir einander. Zum Greifen ahe erscheint sein junges Gesicht im Feldstecher; ein offenes, sonngebräuntes Gesicht. Lange Haare, Vor Währungsreformschnitt; schräg darauf gedrückt ein Schiffchen, Es ist erdbraun wie die ganze Uniform des sowjetzonalen Grenzpolteir iten, erdbraun wie die Uniform der Russen. Russisch ist auch die Maschinenpistole, die ihm, Mündung nach unten, über der Schulter baumelt. Plötzlich jedoch ist er weg, der Erdbraune, ist nit einem Satz hinter dichtem Gebüsch in Dekkung gegangen. Er hat die Kamera meines Begleiters wahrgenommen, und photographieren läßt er sich nicht: Seine Dienstvorschrift verbietet es. Jetzt trabt er im Laufschritt über die Lichtung und hält dabei den linken Arm schützend vor den Kopf gewinkelt. Im Waldschatten trifft er auch sei neuSchatten wieder: den zweiten Mann der Grepo Streife.

"Ach, da ist mal wieder die Presse", hören wir sie drüben höhnen "Die werden schöne Märchen über uns verzapfen " "Diese Brüder, das sind doch die richtigen Gebrüder Grimm " So ist das. Fünfundzwanzig Meter nur sind wir auseinander, und doch klafft ein Abgrund dazwischen. Zwei Welten stoßen hier aneinander, zwei Weltanschauungen. Mitten durch Deutschland verläuft die Grenze, die unselige, elende Grenze, die grausam zerreißt, was zusammengehört. Und damit keiner sie übersehe, damit auch keiner sie übertrete, ist sie allenthalben deutlich markiert. Mitten durch Deutschland zieht sich der gepflügte und stets aufs neue säuberlich geeggte "Todesstreifen", die Pieck Allee.

Dieser Streifen, der Deutschland von Deutschland trennt und Deutsche von Deutschen, bezeichnet die Zonengrenze von der Ostsee bis zum über Travemünde bis zum Dorfe Prex im Landkreis Rehau. Er ist zehn Meter breit und 1381 Kilometer lang. Und er allein genügt noch nicht. Ein Stacheldrahtzäun, nach 1952 von den Sowjetzonalen Behörden errichtet, begleitet den Zehnmeterstreifen über drei Viertel seiner Länge. Bald ist es ein einfacher Zaun, bald ein doppelter; meist sind die Pfosten aus Holz, neuerdings aber auch immer öfter aus Beton. Und überall ist die Grenze mit hölzernen Wachtürmen gespickt. Sie sehen aus wie KZ Türme Über ein halbes Tausend haben die westdeutschen Grenzer davon gezählt. Acht Tage lang sind wir an der Zonengrenze entlang gefahren, von Prex bis Priwall. Acht Tage lang haben wir Wachtürme gesehen und Volkspolizisten, Schlagbäume und Sperren, Gräben und Drahtverhaue. Und immer wieder das Schild: "Achtung Zonengrenze Sackgassen, tote Enden, abgestorbene Adern. Autobahnen, die von senkrecht in den. Zement gerammten Eisenbahnschienen versperrt sind. Straßen und Wege, mit Bohlen verrammelt, mit Brettern vernagelt. Abgebrochene Schienenstränge, die im Unkraut enden; die Signale stehen auf Halt. Gesprengte Brücken, verfallende Häuser jenseits des Stacheldrahts, unbewohnt, mit bröckelndem Putz und zerrottetem Fachwerk, zugemauert die Türen und Fenster. Acht Tage lang: Achtung Zonengrenze , Der Beamte vom Zollgrenzdienst, mit dem wir am Todesstreifen stehen und hinüberschauen zu den beiden Erdbraunen im Waldschatten, kann die Statistik auswendig hersagen "Gesperrt sind zwischen Hof und Lübeck insgesamt 35 Eisenbahnlinien, 3 Autobahnen, 29 Bundesstraßen, 66 Landstraßen erster Ordnung, ebenso viele Landstraßen zweiter Ordnung. Dazu noch Tausende von öffentlichen Gemeindewegen und privaten Wirtschaftswegen Drüben blinken die russischen Maschinenpistolen durchs Laub. Unser Zöllner fährt fort: "Geöffnet zwischen Deutschland und Deutschland sind bloß acht Eisenbahnübergänge, fünf Straßenübergänge und für den Schiffsverkehr die Elbe una der Mittellandkanal " "Lassen Sie sich nicht ins Bockhorn jagen", sagt der westdeutsche Zollbeamte wieder "An manchen Stellen haben die drüben in den vergangenen Wochen den Draht abmontiert, aber das will nicht viel heißen. Das ist nur der Optik wegen. Vorn bauen sie ab, hinten bauen sie wieder auf, sta ffeln nur die Sperren etwas tiefer, legen im Hinterland neue Hindernisse an, neue Stolperdrähte, neue Alarmanlagen. Wo man sie nicht sehen kann " Der gepflügte Streifen beginnt östlich von Hof im Tal der Regnitzim alten Dreiländereck zwischen Bayern, Sachsen und der Tschechoslowakei. Einst stand dort ein Gasthof, der auf jeder Seite einen Eingang hatte — ein Stelldichein der Schmuggler aus drei Ländern; mancher Mastochse aus der Tscheche! ging dort in die Hände bayerischer Händler über. Jetzt ist die Waldlichtung tot, der Gasthof bis auf die Gfundmauern niedergerissen.

Hähne krähen Von ferne. Tschechische? Sowjetzonale? Bundesrepublikanische? Die Regnitz plätschert hell vor sich hin. Der hölzerne Steg, der sie früher überquerte, ist längst zerfallen und davongeschwemmt. Die Grenze läuft mitten durch das Flüßchen "Prachtvolles Forellenwässer", sagt der Inspektor von der bayerischen Grenzpolizei, der uns hergeführt hat. In der Nähe beginnt an einem Soldatengrab die elende Grenze zwischen Deutschland und Deutschland. Fast 1400 Kilometer entfernt davon endet sie am Ostseestrand: Dort verläuft der Stacheldraht im Sande. Die See hat das letzte Stück des Verhaues, der bis ins Wasser reichte, hinweggerissen; dieses Jahr ist er noch nicht erneuert worden. Nur eine Art Schlagbaum ist noch da, ein Geländer und die Schilder. Auf westlicher Seite, wo sich im Sommer die Erholungsuchenden tummeln, ein weißes Schild; Achtung! Zonengrenze — Akta licher Seite, wo der Strand das ganze Jahr über öde bleibt — ausgestorben, ein schwarzrotgoldenes Schild: Grenze zwischen der Deutschen DemokratiNicht weit von dem Soldatengrab an der Dreiländerecke liegt solch ein geteiltes Dorf: Mödunserer Seite, fünfzehn auf der anderen. Im Dorfe diesseits hängen Rupfensäcke zum Trocknen über den Zäunen, an den schieferverkleideten Hauswänden ist Brennholz aufgestapelt. Im Dorfe jenseits hängen auch Säcke zum Trocknen an den Zäunen, und auch dort stapelt sich Brennholz an den schieferverkleideten Hauswänden. Aber das Dorf drüben — das ist ein vollgenossenschaftliches Dorf, ein sozialistisches Dort. So verkündet es ein Plakat. Der Traktorfahrer wagt keinen Blick herüber, auch nicht die junge Mutter, die ihren Kinderwagen die Dorfstraße längsschiebt, fünf Schritte nur von uns, gleich überm Bach, durch den der Drahtverhau gespannt ist. "Sie habens Herz gar net", erklärt die Frau des Dorfkrämers "Schon, wir sind alle verwandt oder verschwägert. Manchmal nicken sie auch oder grüßen. Aber sprechen? Das ist ihnen verboten. Und sie habens Herz einfach net " Fünf Jahre lang, von 1952 bis 1957, waren die beiden Orte, das bayerische Mödlareuth und t bei Prex, das thüringische, durch eine hohe Bretterwand voneinander getrennt. Die Bretterwand war zur Touristenattraktion geworden; deswegen wurde sie schließlich niedergerissen. Doch der Stacheldraht, der sie ersetzte, ist nicht minder undurchdringlich. Dahinter haben sich die anderen Deutschen verschanzt, jene, die über die Fassade des ersten Hauses im thüringischen Mödlareuth das Transparent gespannt haben: Gruß allen westWir haben das Plakat noch oft gesehen in den nächsten Tagen, bei Hirschberg, bei Philippsthal, weiter oben im Norden. Und viele andere, gleich stupide Texte.

Die Autobahnbrücke über die Saale, Richtung Berlin, bei Kriegsende gesprengt: darf nicht wiederhergestellt werden. Die Autobahn nach Eisenach: verbarrikadiert. Die alte Reichsstraße l, die einst von Aachen über Berlin nach Königsberg führte: zwischen Helmstedt und Marienborn versperrt vom ausgebrannten Wrack eines Wehrmachtsbusses. All die vielen Straßen, nach Saalfeld, Sonneberg, Meiningen, Bad Salzungen, Mühlhausen, Heiligenstadt, Magdeburg, Ludwigslust, Schwerin — alle verriegelt, vernagelt. Deutsche an einen Tisch? Nur an einer einzigen Stelle der deutschen Stacheldrahtgrenze gibt es noch einen kleinen Grenzverkehr: zu Reichenbach im Frankenwald, 30 Kilometer von Kronach entfernt. Täglich gehen dort 86 westdeutsche Arbeiter hinüber; Schieferwerker, die in den Brüchen von Lehesten arbeiten, wie sie das in ihrer Jugend getan haben und wie das schon ihre Väter und Großväter taten.

Abends kurz vor fünf kommt der blaue Omnibus zurück, mit dem die meisten Männer hinüberfahren in die volkseigenen Schieferbrüche. Manche haben ein Motorrad, andere kommen mit dem Fahrrad oder gehen zu Fuß.

Ihren Grundlohn von 1 86 Mark die Stunde erhalten die Schieferwerker in Westmark ausgezahlt; was drüber ist, die Prämien, die Akkordzuschläge und das Kindergeld, wird ihnen auf ein Ostmark Konto gutgeschrieben. Das macht bei den meisten rund ein Drittel des Verdienstes aus, und für dieses Drittel dürfen sieim Konsum und im HO Laden von Lehesten einkaufen. Die Quittungen müssen sie dem westdeutschen Zoll vorlegen, und die Beamten notieren, was jeder gekauft hat und wie hoch sein Ostmark Konto ist. Da steht dann: ein Kinderbett, komplett, 105 10; ein Korb 28 —; ein Pfund Butter 5 —; ein Laufgitter 19 70; eine Wilde Sau 11 80. Wilde Sau heißt eine Sorte Schnaps, und Schnaps oder Wodka haben die meisten Männer an den Einkaufstagen im Rucksack zende von Reichenbach. Um die Vierzig mag er sein, und sein Leben lang — mit Ausnahme der Kriegsjahre und der Jahre 1952 bis 1955, da auch dieses Loch im Eisernen Vorhang verstopft war — hat er in den Schieferbrüchen von Lehesten gearbeitet. Auch jetzt wieder.