Von Walter Jens

Ernst Rowohlt, der große Verleger und unser aller Freund, kennt viele Geschichten: viele wahre und sehr viele gut erfundene Geschichten. Die schönsten dieser faunisch schillernden stories handeln von eigenartigen Autoren, listig gesonnenen Kollegen, bedeutsamen Sortimentern und einem jovialen König, Abenteurer, Flieger und Verleger namens Rowohlt, der alle Berühmtheiten kennt und keinem etwas Schlechtes nachsagt. In seinem großen gütigen Herzen hat jedermann seinen fest umgrenzten Platz; jedem, von Hemingway bis Arno Schmidt, gilt eine bezeichnende Legende: Sinclair Lewis, "der von Weihnachten bis Neujahr mit mir trinken mußte, weil Betty Thompson am Blinddarm operiert worden war"; Robert Musil, "der mir nächtelang vorlas und niemals mehr als ein Kapitel schaffte – der Arme verwechselte ständig die verschiedenen Fassungen, zog einmal die achte, dann wieder die neunte aus seinem Koffer hervor"; Hemingway, "dem ich das teuerste Telegramm aller Zeiten geschickt, habe, aber dann bekam ich auch Den alten Mann und das Meer – ‚Du hast viele Amis erledigt‘, drahtete Ernest an Ernst, ‚ich viele Krauts, wir wollen uns wieder versöhnen‘ "; Ringelnatz, "für den ich, wenn er abends las, um seiner Nüchternheit willen immer Sekt in die Badewanne stellen mußte, das lenkte ihn vom Whisky ab. Dies geschah zu einer Zeit, als ich mit Peter Suhrkamp und Theodor Eschenburg bei einem Herrn Sommer Turnunterricht nahm; wir waren sehr komisch, und Herr Sommer konnte oft vor Lachen keine Kommandos erteilen"; Arno Schmidt, "der so grimmig aussah, daß selbst Ceram Angst vor ihm hatte, und Marek hat doch sonst vor niemandem Angst"; Franz Kafka, "bleich und schüchtern, stets begleitet von Max Brod"; Georg Heym: "den Gedichten nach erwartete ich einen Ästheten; es kam aber ein Metzgergeselle, und der brüllte seine Verse mit solcher Stimme heraus, daß meine kleine Redaktionsstube wahrhaftig zu zittern begann."

All dieser Schnurren, Anekdoten und Legenden, des Wahren und des Fabulösen erinnert man sich bei der Lektüre jener Tagebücher, Träume und Briefe, durch die, als ein erfreuliches Phantom unter mancherlei Gespenstern und Mahren, der gute Geist Ernst Rowohlts spukt –

Georg Heym: "Dichtungen und Schriften", Gesamtausgabe herausgegeben von Karl Ludwig Schneider, Band 3: Tagebücher, Träume, Briefe; Verlag Heinrich Ellermann, Hamburg; 304 S., 17,50 DM.

Ein kurioses Selbstporträt, das hier gezeichnet wird! Halb ein erotischer Berserker, halb ein Philister wilhelminischer Art; halb Corps-Student und halb Prometheus; halb Rabauke, halb Spießer – so präsentiert sich der große Lyriker (und, wer weiß, größere Novellist) Georg Heym, ein ebenbürtiger Bruder Stadlers und Trakls, seinen Betrachtern. Süßlichen Liebesaffären – "Diese Küsse waren flammengleich. Der Leib war federleicht in meinen Händen" –, sexuellen Orgien, Passionen des Leibes folgen asketische Gelübde und unerfüllbare Keuschheitsversprechen. Von Selbstmord ist die Rede, von Schulfron und Pädagogen in Raubmörderkleidung, von sentimentalen Begierden nach Kleinbürgerträumen: "...so albern es klingen mag, wäre ich nach Heidelberg gegangen, ich wäre ein glücklicher Mensch geworden. Mir kann nichts, aber auch nichts jemals den Traum ersetzen, daß ich einmal Vandale sein würde."

Schul-Aventiuren, Heidelberger Romantizismen, Würzburger Amouren ... in der Tat, das Tagebuch scheint auf den ersten Blick nur eine Summe von Quisquilien zu sein. Die Mädchennamen wechseln häufig, auch ein Jüngling spielt hinein; der literarische Olymp beschränkt sich auf die Maße eines Pubertäts-Hügels: Grabbe, Hölderlin, Nietzsche, Mereschkowskij; ein korporierter Student treibt sein trauriges Geschäft: Rhenane Heym ficht eine Renoncen-Partie gegen Nassove Schade, Nassovia erklärt nach dreieinhalb Minuten die Abfuhr; ein unwilliger Jurist bespeit den "schweinischen" Beruf, verflucht den "Frondienst" seiner Existenz – nicht viel fehlte, und Georg Heym erschiene, wie ein kluger Kenner seines Werks bemerkt hat, als ein Archetypus der Sprangerschen "Psychologie des Jugendalters"!

Wie seltsam, daß dieser mittelmäßige – scheinbar mittelmäßige! – junge Mann mit den wilden Allüren und der schlechten Orthographie, dieser Alltägliche, dem man sicher ganz zu Recht seine Dissertation mit der Bemerkung zurückgab: "Di? Arbeit enthält so viele Schreibfehler und Mängel im Satzbau, daß erkenntlich ist, daß die Arbeit nach Abschrift einer Durchsicht nicht unterzogen wurde" – wie seltsam, daß dieser Georg Heym uns Heutigen, neben Trakl und Stadler, als der legitime Sprecher seines Zeitalters gilt!