Der sowjetrussische Autor Wladimir Dudinzew – vor drei Jahren durch sein Buch „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ auch bei uns bekannt geworden – veröffentlichte in der Moskauer Zeitschrift „Nowy Mir“ vor kurzem ein neues Werk, das wiederum wegen seiner versteckten Kritik am Sowjetsystem das besondere Interesse der westlichen Leser geweckt hat. Diese Erzählung, die DIE ZEIT hier zum erstenmal in deutscher Sprache abdruckt, begann damit, daß ein junger Wissenschaftler seinen Kollegen von einem seltsamen Mann erzählt: dem Chef einer Banditen-Bruderschaft, der sich im Gefängnis „vom materiellen Wert der Dinge“ abwendet und sich danach sehnt, etwas zu besitzen, was keinen beständigen Wert hat – Freundschaft, Liebe ...

Unser sonderbarer Freund war etwas heiser geworden, er machte eine kleine Pause. Dann erzählte er weiter.

„Und es gab sie auf dieser Welt, die Liebe und die Freundschaft, nach denen er sich sehnte. Er wußte davon. Er kannte eine Frau ... Aber er hätte es nicht einmal gewagt, ihr vor die Augen zu treten, geschweige denn, ihr seine Zuneigung zu zeigen.

Eines Tages faßte der Bandit seine Gedanken in einem Brief zusammen. Er erklärte darin, daß er seinen ‚Ehrenposten‘ niederlegen und in die Gesellschaft rechtschaffener Menschen zurückkehren werde. Er sei entschlossen, etwas Großes zu tun und sich dadurch zu erwerben, was er bisher noch nicht besessen hatte und wonach er mit seinem ganzen Wesen strebe. Dieser Brief wurde von der Gefängnis Verwaltung vervielfältigt und als Flugblatt verbreitet. Ein solches Dokument war natürlich von großer Wichtigkeit, und es war wert, in die breite Öffentlichkeit gebracht zu werden, wie Sie mir zugeben müssen.

Stellen Sie sich vor, in welche Lage der Ataman sich dadurch gebracht hatte. Er war in seinem Leben von den verschiedensten Gerichten zu insgesamt 200 Jahren Gefängnis verurteilt worden, die er noch nicht abgesessen hatte, und der Staat würde ihm bestimmt keinen ‚Rabatt‘ gewähren. Andererseits kannte er besser als jeder andere die Unerbittlichkeit der Bruderschaft, die ihm seinen Verrat nie und nimmer verzeihen würde. Er wußte, daß der für ihn bestimmte Dolch bereit lag. Er brauchte aber noch einige Jahre, um seinen Plan zu seiner eigenen Rechtfertigung zu verwirklichen. Noch bevor das Femegericht der Bruderschaft das Urteil über ihn fällte, floh er, und diesmal endgültig, aus dem Gefängnis. Er war reich, und so fanden sich, wie es oft im Märchen zugeht, genug Ärzte, die nicht nur sein Gesicht durch Operationen veränderten, sondern ihm auch zu einem neuen Haarschmuck verhalfen. Sogar den Klang seiner Stimme verwandelten diese Ärzte, die eben große Meister ihres Faches waren. Der Bandit ließ sich einwandfreie Papiere ausstellen und wurde auf diese Weise ein neuer Mensch. Im Laufe der folgenden drei Jahre bestand er zwei wissenschaftliche Prüfungen und ist gegenwärtig dabei, die Arbeit, die er sich als Lebenswerk vorgenommen hat, zu vollenden, um damit der Menschheit ein Geschenk zu machen.“

„Nun gut“, unterbrach ich unseren Kollegen, der mich während seiner Erzählung unausgesetzt angesehen hatte, „was hat das alles mit dem Thema unseres Gesprächs zu tun. Wir sprachen doch davon, daß die Zeit stillstehen oder wie im Fluge vergehen könne. Wir gingen dabei von der Inschrift auf der Steinplatte aus: ‚Sein Leben währte 900 Jahre‘.“

„Sie werden gleich den Zusammenhang erkennen. Der Bandit wird nun von seinen früheren Kumpanen gejagt. Hartnäckig verfolgen sie seine Spur, und sie werden ihn sicher aufspüren. Ihm bleibt nur noch wenig Zeit. Er hat keine Zeit! – verstehen Sie? – dieser Mensch versucht, in einem Jahr oder vielleicht zwei Jahren alles das aufzuholen, was er während seines Lebens versäumt hat. Hätte er sein Leben lang so gearbeitet wie jetzt, was wäre das Ergebnis gewesen? Würde man dann sein Wirken nach dem Inhalt messen, dann kämen vielleicht sogar noch mehr als neunhundert Jahre heraus.“