Von Johannes Jacobi

Am 1. Juni 1938 wurde auf den Pariser Champs Elysées ein deutscher Bühnenautor erschlagen. Trotz seines ungarischen Namens sind seine siebzehn Bühnenstücke deutsch geschrieben. 1934 war Ödön von Horváth aus Berlin emigriert, weil seine bittere Reportage sozialer Wirklichkeit den nationalsozialistischen „Zielbildern“ nicht entsprach. 1938 hatte er auch Wien verlassen müssen, und er hatte in Budapest den „fliegenden Moses“, das einzige direkte Flugzeug nach Amsterdam, erwischt. Nun wollte er in Paris über die Verfilmung eines seiner drei Romane verhandeln.

Da brach in der Nähe des Théâtre Marigny ein Sturm los. Der Flüchtling suchte Schutz unter einer alten Kastanie. Auf diese aber fiel die vom Sturm geknickte Krone einer Platane. Ein Ast der Kastanie brach und traf den Schriftsteller. Ein Schrei. Heraneilende Sanitäter stellten nur eine kleine Wunde fest. Doch Ödön von Horváth war tot. Nur 36 Jahre ist er alt geworden.

Da er zwischen den Zeiten abberufen wurde, fiel sein Oeuvre der Vergessenheit anheim, noch ehe er sich entfalten, noch ehe die Spreu vom Weizen gesondert werden konnte. 1931 galt Horvath nämlich als eine große Hoffnung des deutschen Theaters. Das hatte auch Carl Zuckmayer ausgesprochen, und daraufhin war Horváth für seine „Geschichten aus dem Wienerwald“ mit dem Kleistpreis ausgezeichnet worden. Mit der Uraufführung dieses Volksstücks hatte Heinz Hilpert in Berlin einen fast sensationellen Erfolg zu verzeichnen. (Der gleichnamige Strauß-Walzer bildet nur das musikalische Bindeglied zwischen den 15 Bühnenszenen. Diese sind ein grausam scharfer Spiegel vom Leidensweg eines einfachen Mädchens.)

In den meisten seiner Stücke stellt Horváth mit volksmäßiger Theatralik, manchmal in Form einer szenischen Kalendergeschichte, ein Menschenpanorama auf, in dem auch die Sentimentalität, der Gefühlskitsch und die falschen Töne nicht fehlen, mit denen sich die Leute um die Selbsterkenntnis herumschwindeln. Aber der Autor versucht, nach seinem eigenen Zeugnis, „möglichst rücksichtslos gegen Dummheiten und Lüge zu sein“.

Langsam beginnen einige Bühnen, sich an Horváths Volksstücke zu erinnern. Mit Recht. Obwohl sie stellenweise über die einfache Wirklichkeitsspiegelung bis in surrealistische, metaphysische Bezirke hinausstreben, mögen sie weniger der „Literatur“ zugehören, doch im Theater leben sie.

Man spürte das besonders, als jetzt ein Spiel mit Literaturfiguren in Göttingen, an Heinz Hilperts Deutschem Theater, seine Erstaufführung in der Bundesrepublik fand: „Figaro läßt sich scheiden.“ Horvath hat Beaumarchais’ „Tollen Tag“ weitergesponnen. Graf und Gräfin Almaviva werden nach dem Ausbruch der Revolution von Figaro ins Ausland geführt, weil Susanne es so will. Dann aber entrollt sich in anachronistischer Modernität eine Tragikomödie der Emigration.