Es war vorauszusehen, daß es auf der Hauptversammlung der Farbwerke Hoechst AG, vormals Meister Lucius & Brüning, zu einer Diskussion über die vorgeschlagene Form der Kapitalerhöhung kommen würde. Der von der Verwaltung vorgesehene Ausgabekurs von 250 v. H. wurde von vielen Aktionären als zu hoch empfunden. In seinem Referat über die Geschäftslage 1959 ging daher Professor Winnacker auf diese Frage ausführlich ein. Er wies auf die Notwendigkeit der Bildung großer Rücklagen hin. In Hoechst betragen sie 56 v. H. des Aktienkapitals; bei der ausländischen Konkurrenz 100, 200, ja, zuweilen 300 v. H. In lang zurückliegenden Zeiten war das auch einmal bei den IG-Farben der Fall. Jede Finanzierungspolitik muß diesen Gegebenheiten Rechnung tragen; es darf auch nicht darüber hinweggesehen werden, daß, vor allem in den USA, neue Aktien in der Regel annähernd zum Börsenkurs ausgegeben werden. Deshalb sah man in dem Bezugskurs von 250 v. H. einen guten Mittelweg. Die Verwaltung hat auch darüber diskutiert, ob das erforderliche Kapital nicht zu einem niedrigeren Bezugskurs beschafft werden könnte. Dann hätte man eine kleinere Dividende auf ein entsprechend größeres Kapital zahlen müssen. Vom Standpunkt des ausgeschütteten Dividendenbetrages aus ist das gleichgültig. Da aber, so meinte Winnacker, der Dividendenprozentsatz ein charakteristisches Kennzeichen des Unternehmens ist, muß es auch im Interesse des Aktionärs und der Kurspflege der von ihm gehaltenen Aktien liegen, daß immer eine gute Dividende im Verhältnis zur Konkurrenz gezahlt werden kann.

Es ist klar, daß eine solche Auffassung geradezu zum Widerspruch herausfordert. Das ist auch nicht schlimm, denn zu einer Hauptversammlung gehört es nun einmal, daß Meinung und Gegenmeinung aufeinander prallen, weil sich nur so ein gemeinsamer Geschäftswille von Verwaltung und Aktionären bilden kann. Bedauerlicherweise wurde aber bereits zu Beginn in die Diskussion eine vermeidbare Schärfe hineingetragen. Der Hauptversammlungs- und Aktionärs-Schreck Nold beanstandete das von dem Aufsichtsratsvorsitzenden Dipl.-Ing. Jähne auf Grund der ihm durch die Satzung zugewiesenen Rechte angeordnete Abstimmungsverfahren. Der Opponent verlangte geheime Abstimmung mit dem Hinweis, daß eine Reihe von Aktionären davor zurückschreckte, offen ihre Meinung kund zu tun. Nun gehört es zu den guten Gepflogenheiten, daß, falls eine geheime Abstimmung verlangt wird, einem solchen Antrag nach Möglichkeit stattgegeben wird, gleichgültig wer ihn stellt. Der Vorsitzende aber bezweifelte, daß irgendein Aktionär Hemmungen hätte, in der HV offen gegen die Anträge der Verwaltung zu stimmen und bestand deshalb auf dem von ihm gewünschten Abstimmungsverfahren. Wäre er wenigstens dabei geblieben! Aber als es einige Stunden später zur entscheidenden Abstimmung kam, revidierte er seinen Entschluß und ließ eine Abstimmung nach Stimmkarten zu. Das mußte naturgemäß in der HV den Eindruck einer nicht ausreichend festen Verhandlungsführung erwecken.

Die Debatte über das Bezugsverhältnis war scharf, blieb aber insgesamt gesehen sachlich. Eine Reihe von Argumenten konnte man nicht ohne weiteres mit der linken Hand beiseiteschieben. Zum Beispiel wurden die eingangs bereits zitierten Worte Winnackers über die Höhe der Dividende angegriffen und erklärt, daß ein etwas „verwässertes“ Aktienkapital mit entsprechend niedrigerer Dividende in sozialpolitischer Hinsicht einen besseren Eindruck mache. Manche Aktionäre behaupteten andererseits, daß sie nicht glaubten, daß Hoechst (bei einem niedrigeren Besugskurs) für lange Zeit eine herabgesetzte Divicende zahlen würde. Ein Diskussionsredner, der auf Grund seines Namens und seiner Stellung Beachtung erwarten konnte, legte dar, daß man die Modalitäten des Bezugsrechtes auch aus der Tatsache heraus, daß der Aktionär Eigentümer des Unternehmens ist, beurteilen müsse. Bei einer solchen Betrachtungsweise seien aber die Modalitäten unwichtig und nur die Höhe der Einschüsse relevant. Der Redner kritisierte dabei, daß der Vorstand eine solche Betrachtungsweise nicht genügend in den Vordergrund gerückt habe, vielmehr von einem, den Aktionären zugeteilten Bezugsrecht sprach.

Von Ausnahmen abgesehen bewegte sich die Debatte, was die Sache und was die Form anfing, auf einem hohen Niveau. Man mußte daher erwarten, daß sich nach ihrem Abschluß die Verwaltung nochmals zusammenfassend zu der Kritik äußerte. Aber auch das wurde versäumt. Stattdessen schritt die HV auf Anweisung des Vorsitzenden direkt zur Abstimmung, die diesmal, wie gesagt, geheim erfolgte. Da man diese Geheimabstimmung aber improvisierte, kam es zu problematischen Ergebnissen. Es mußten die Türen geschlossen und die Abstimmung, dem vollen Umfange nach, wiederholt werden. Das alles war wirklich nicht schön, und es ist. deshalb auch nicht verwunderlich, daß die Opposition zum Schluß eine Menge Stimmen auf sich vereinigen konnte. Sie änderten allerdings an dem Ergebnis nichts, zeigten aber dennoch, daß viele Aktionäre unzufrieden waren, und zwar aus Gründen, die sachlich nicht viel wogen und über die man auch bei einiger Eleganz in der Verhandlungsführung hinweggekommen wäre. Waldemar Ringleb