Heute ist Otto Klemperer, der am 15. Mai fünfundsiebzig Jahre alt wurde, längst keine Sensationsgröße mehr. Seine Kunst ist sicher. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil ist ihm so viel Verehrung gezeigt worden, wie der übliche Erfolgsmachereitumult gar nicht zum Ausdruck bringen kann.

Übrigens hat Klemperer niemals Sensation gewollt, so sehr er sie auch einmal „gemacht“ hat; damals nämlich, als er, 1927–1933, Leiter der Berliner „Krolloper“, dann Dirigent der Staatsoper Unter den Linden und des Philharmonischen Chores war: als er die aufsehenerregenden und heiß umstrittenen Premieren zeitgenössischer Werke brachte. Aber damals wie immer verabscheute dieser Künstler den lauten Ruhm eher, als daß er ihn gesucht hätte.

Wenn er ans Pult trat, wußte man, daß es kein ergreifendes Meditieren vor dem Beginn gab. Er kam, und es ging los. Und wenn das Werk zu Ende war, verschwand Klemperer fluchtartig vom Podium. Das hatte nicht nur äußerliche Ähnlichkeit mit den zwei Meistern, in deren Sphäre Klemperer wichtige Entwicklungsjahre durchlebte: mit Hans Pfitzner und Gustav Mahler. Pfitzner, sein Lehrer am Stern’schen Konservatorium in Berlin, holte ihn seinerzeit auch nach Straßburg.

Vorhergegangen waren Kapellmeisterjahre in Prag, Hamburg und Barmen. 1917 bis 1924 wirkte Klemperer in Köln, zuletzt als „General“, darauf in Wiesbaden, der letzten Station vor Berlin. In den USA leitete er das Los Angeles Symphony Orchestra. In den ersten Nachkriegsjahren war er vorübergehend Leiter der Budapester Oper. Erst seit 1954 lebt Otto Klemperer endgültig wieder in Europa: Wohnsitz Zürich.

Was bei seiner Wiederkehr besonders starken Eindruck machte, war die bewundernswerte Energie, mit welcher der (durch zwei unglückliche Stürze) schwer Gelähmte seinem Körper Leistungen von letzter Reife und Größe abzwang. Das äußere Schicksal hat auch den geistigen Habitus des Künstlers und Menschen umgeformt, ohne den idealistischen Dienst am Werk zu verringern.

Aber die frühere fanatische Aggressivität seines Musizierens ist einer gewissermaßen „stilleren“ Ausdrucksgebärde gewichen. Sein „Dienen“ gehört heute vor allem den bleibenden Werten, denen er schon lange, lange am innigsten verbunden war. Walter Abendroth