Als die Hamburger Gesellschaft für Filmkunde vor kurzem einige Dokumentarfilme vom Dritten Reich (unter anderem vom Nürnberger Parteitag und von Hitlers pompös gefeiertem 50. Geburtstag) vor ihren Mitgliedern vorführte, da erhob sich die Frage, ob und wo man solche Filme zeigen sollte: In den Schulen, im Kreis der Jugendlichen außerhalb der Lehranstalten, in allgemein zugänglichen Veranstaltungen?

Die Antwort auf diese Frage scheint auf der Hand zu liegen. Gerade die Jugend hat ja ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren. Aber was ist das?

Ich will nicht dem alten Skeptiker Pilatus nachäffen, der mit der Frage „Was ist Wahrheit?“ verblüffte. Ich will die Frage einengen und ganz auf unseren Gegenstand beziehen: Sind diese Filme von den Parteitagen, ist der Film von Hitlers 50. Geburtstag „die“ Wahrheit, nichts als die Wahrheit? Zunächst scheint das so. Denn Dokumentarfilme sind doch, wenn der Begriff zu Recht besteht, Zeugnisse der Zeitgeschichte.

Sieht man aber etwas genauer, hin, so geht die Rechnung nicht auf. Da gibt es zunächst den Rhythmus des Films, mit dem man Stimmung machen, suggerieren und propagieren kann: gleichsam neben der sachlichen Mitteilung und weit darüber hinaus. Der 50. Geburtstag wird zum mitreißenden Schaugepränge.

Und Hitler selber? Nun, ich muß es ja sagen, selbst auf die Gefahr, mißverstanden zu werden: Er wirkt als durchaus vitaler, energischer, temperamentvoller Politiker.

Aber dieser so energische und zielbewußte Politiker ist, obwohl „dokumentarisch“ festgehalten, nur die halbe Wahrheit. Und wir wissen es: Die halbe Wahrheit ist der Wahrheit so fern wie die Lüge. Erst wenn man die Gemeinheit und den aufgeschwemmten Hochmut dazuzählt – erst dann hat man etwas, was der „Wahrheit“ näher kommt.

Die Pädagogen, die sich vor die Frage gestellt sehen, ob man der Jugend Hitler-Filme zeigen solle, glauben zum Beispiel an folgendes Rezept: Koppelt doch bei der Vorführung, sagen wir, den Film von Hitlers 50. Geburtstag mit dem KZ-Film „Nacht und Nebel“, bringt den Film der glänzenden Effekte und der Großsprecherei zusammen mit dem Film jenes unsäglichen Niedergangs und Verbrechens.

Es fragt sich nur: Wird die Jugend die nicht ganz gradlinige Verbindung zwischen Film 1 und Film 2 begreifen – oder glauben? Wird sie diese Zusammengehörigkeit dann begreifen, wenn die Vorführung eingeleitet und sachlich kommentiert wird? René Drommert