ch. b. Berlin, im Mai

Von den 466 Volkskammer-Abgeordneten in Ostberlin gehören 52 zur Fraktion der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD). Diese Partei, die angeblich 70 000 Mitglieder aus landwirtschaftlichen Berufen zählt, führt seit ihrer Gründung im Jahre 1948 ein politisches Schattendasein, so daß ein DBD-Parteitag nicht unbedingt zu den wichtigen oder gar interessanten Ereignissen im Gebiet der „Arbeiter- und Bauernmacht“ gehört. Dennoch hatte das Treffen der DBD-Funktionäre, die sich in der vergangenen Woche in dem mecklenburgischen Städten Güstrow zum VI. Parteitag versammelten, seine besondere Bedeutung.

Eigentlich hatte diese Tagung zwischen dem 4. und 6. Februar dieses Jahres in Leipzig stattfinden sollen. Aber damals war eben jene Entwicklung im Gange, in die sich die DBD nach den Worten ihres Vorsitzenden Ernst Goldenbaum, eines erprobten, von der SED abkommandierten Altkommunisten, maßgeblich einschalten wollte. „Unser Kernproblem besteht darin“, sagte Goldenbaum vor acht Monaten, „allen Bauern in ihrem Dorf über die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) zu einem leichteren, kulturvollen Leben zu verhelfen ... Es kann nur vorwärtsgehen zur LPG, zur sozialistischen Großproduktion.“

Nachdem dieses Ziel erreicht war, hätten die DBD-Funktionäre nun eigentlich nichts anderes zu tun gehabt, als ihre Organisation zu liquidieren unter diskretem Schweigen über das Gesetz, nach dem sie vor zwölf Jahren angetreten waren. Damals hielt die sowjetische Militäradministration es für angezeigt, für die Klein- und Mittelbauern, die Landarbeiter und Umsiedler (Heimatvertriebene) eine besondere Partei entstehen zu lassen. Und damals sagten die DBD-Gründer: „Die Demokratische Bauernpartei steht fest auf dem Boden des Privateigentums des kleinen Mannes und jedes Bauern... Die DBD denkt gar nicht an die Vorbereitung einer neuen Bodenreform

Freilich konnte schon nach der Überarbeitung der DBD-Grundsätze im Jahre 1957, beim V. Parteitag, niemandem verborgen bleiben, daß die Partei die Vorhut für die Sozialisierung auf dem Lande bilden sollte.

In Güstrow nun ließ sich die Partei, die eigentlich ihre Daseinsberechtigung verloren hat, vom SED-Spitzenfunktionär Gerhard Grüneberg neue Aufgaben zuweisen, die ihr vollends den Charakter einer SED-Filiale geben. Danach sollen die DBD-Mitglieder in den LPG-Aktivs tätig werden, und zwar im „innerorganisatorischen, werden, schen Festigungsprozeß“. Das ist alles. Und das ist doch auch sehr viel, wenn man weiß, daß die fähigsten Einzelbauern, die jetzt, häufig gegen ihren Willen und nur wegen ihrer beruflichen Qualitäten, zu LPG-Vorsitzenden ernannt wurden, bisher in der DBD eine Art Reservat sahen und nun genötigt werden sollen, als sozialistischer Vortrupp das Geschäft der SED zu besorgen.