Der Vorstandsvorsitzende der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik AG, Prof. Dr. Carl Wurster, meinte in seinem Bericht über das Geschäftsjahr 1959, daß das Schlagwort unserer Tage, die „Konzentration“, nur schwer zu definieren ist. Um hier etwas Licht zu bringen und um die Auffassung zu begründen, daß die BASF mit Konzentration wirtschaftlicher Macht nichts zu tun habe, wies er darauf hin, daß das Stammkapital des Unternehmens weitgehend aufgesplittert ist und 175 000 Aktionären gehört. Etwa ein Viertel des Aktienbesitzes entfällt auf Angehörige freier Berufe und auf selbstständige Kaufleute und ein Drittel auf Rentner und Hausfrauen. Bei dem Rest, zu dem u. a. auch die große Gruppe der Lohn- und Gehaltsempfänger – ebenfalls Kleinaktionäre – gehört, ist kein Aktienpaket zu erkennen, das einen einseitigen Einfluß auf die Geschicke der Gesellschaft ausüben könnte. Im Hinblick auf das Eigentum vermag man also beim besten Willen nicht von einer Konzentration wirtschaftlicher Macht zu sprechen.

Wurster wies weiter darauf hin, daß die BASF weder in die Arbeitsgebiete ihrer Vorlieferanten noch in die der verarbeitenden Industrie vorgedrungen ist. Nun vermag sicherlich die BASF auf eine ungewöhnliche Entwicklung zurückzublicken. Seit 1952 ist die Bilanzsumme von 0,75 Mrd. DM auf 2,20 Mrd. DM gestiegen. Das Anlagevermögen hat sich in der gleichen Zeit verdreifacht. Es ist zu einem organischen Wachstum gekommen, dabei aber auch zu einer Größe, die internationalen Vergleichen standhält. Diese Bemerkungen des Chefs der BASF sind zur rechten Zeit gekommen; sie sind geeignet, die Dinge, die aus sozialromantischen Vorstellungen heraus verzerrt wurden, wieder in das rechte Licht zu rücken.

In der anschließenden Debatte wurden diese Ausführungen auch von niemandem kritisiert. Im übrigen wurden viele Fragen gestellt und beantwortet, wobei es nicht in jedem Fall zu einer Harmonie der Auffassungen gekommen ist. Vor allem gab es eine Reihe von Aktionären, welche die Gelegenheit der Hauptversammlung erneut dazu benutzten, ihren Unwillen über den im vergangenen Jahr bei der Kapitalerhöhung gewählten Ausgabekurs von 300 v. H. Ausdruck zu geben. Den entsprechenden, manchmal recht langatmigen Ausführungen aber vermochte Wurster mit dem Hinweis, daß 90 v. H. der Kleinaktionäre von dem angebotenen Bezugsrecht Gebrauch gemacht haben, die Spitze nehmen.

Bemerkenswert ist, daß sich an den Gesprächen auch eine Reihe von Bankenvertretern beteiligten. Mann kann dies als einen Beweis dafür ansehen, daß es durchaus möglich ist, das den Banken zugewachsene Depotstimmrecht zu kultivieren. Vor allem fällt hier jenen Kreditinstituten und Privatbankiers, die nicht mit der Macht ihrer Depotstimmen, sondern nur mit wohlerwogenen Argumenten operieren können, eine dankbare Aufgabe zu. Daß eine freie Aussprache, in der auch Fragen zugelassen wurden, die nur am Rande der Tagesordnung lagen, die Stärke der Verwaltung nicht mindert, sondern sie im Gegenteil festigt, zeigte die Abstimmung. Allen Anträgen der Verwaltung wurde mit einer Mehrheit von über 99 v. H. entsprochen. Allzu verwunderlich ist dies allerdings nicht, denn schließlich haben die Aktionäre der BASF Grund, zufrieden zu sein. Eine Dividende von 16 v. H., so wie die Hauptversammlung beschlossen hat, ist eine akzeptable Sache. Sie ist aber auch beruhigend, denn es wurde nicht nur die Dividende verdient, sondern es war darüber hinaus möglich, durch Rücklagenverstärkung die innere finanzielle Stabilität der BASF weiter zu festigen. Insgesamt wurden den Rücklagen 48,5 Mill. DM zugeführt, von denen nahezu 30 Mill. DM aus dem Jahresergebnis stammen. Prof. Wurster wies darauf hin, daß bei den außerordentlichen Risiken des BASF-Geschäftes eine Stärkung der Reserven im gemeinsamen Interesse des Unternehmens und seiner Aktionäre liegt. Schließlich beträgt der Jahresumsatz im Exportgeschäft nahezu eine Mrd. DM. Wie schnell aber kann es in diesem Bereich, dessen Gestaltung wesentlich von politischen Entscheidungen abhängt, zu unvorausgesehenen Einbrüchen kommen!

In der Debatte wurde die Richtigkeit der Rücklagenpolitik nicht nachdrücklich in Zweifel gezogen. Dies ist um so beachtenswerter, als menschliche Schwächen den Aktionären nicht fremd gewesen sind. Offenbar meinten sie, daß selbst noch 1960 Kapitalisten Hunger haben dürfen. Anders ist es nicht zu verstehen, daß die im Hinblick auf eine möglicherweise längere Dauer der Hauptversammlung vorsorglich bereitgelegten Lunchpakete sehr schnell verschwunden waren, so daß die Letzten nichts mehr erhielten. Aufsichtsratvorsitzender, Bankier Abs, entschuldigte sich hierfür mit dem Hinweis, daß die Verwaltung in Verkennung der menschliche Psyche nur für 25 Prozent mehr Aktionäre vorgesorgt habe, als sich angemeldet hatten. Auch hieraus werde die Verwaltung zu lernen wissen, woraus man erkennen mag, daß zur Demokratie nicht nur Argumente und rechte Errkenntnis, sondern auch die Kalkulation mit der menschlichen Schwäche gehören. W. R.