Von Eka v. Merveldt

Ausgerechnet in Warschau, dieser östlichen Stadt, die der Ideologie der Roboter ausgesetzt ist,-kann ich dem Drang nachgeben, planlos durch die Straßen zu irren, von Schaufenster zu Schaufenster zu trödeln, mich von der Menge mitschwemmen zu lassen, an den Ecken herumzustehen, um das Getriebe zu betrachten: Regardez passer la vie, wie das mein französischer Freund Armand nennt.

Ausgerechnet in Warschau kann ich die Freiheit des Müßiggangs genießen. Ich blicke, ohne einen Auflauf zu erregen, eine Weile zu König Sigismund hinauf, der auf hoher Säule wieder über die von den Warschauern so geliebte Prachtstraße Krakowskie Przedmiescie („Krakauer Vorstadt“) blickt. Allen gottlosen Ideologen zum Trotz trägt er ein Kreuz in der Hand, das größer ist als er selbst.

Die Straße ist mit allen Adelspalais, in denen sich jetzt freilich Ministerien und die Universität befinden, wiederaufgebaut worden – und fürwahr sind in dem schönen Eifer, die zu Tode getroffene Stadt wieder so herzustellen, wie sie war, nicht nur die historischen Gebäude der Altstadt wieder errichtet worden, sondern auch die klassizistischen Gebäude des umstrittenen, von den Großbürgern geprägten Stils der Jahrhundertwende. Die aus einem Trümmerfeld ohne fremde Hilfe wiedererstandene Stadt sollte, entsprechend dem Wirtschaftswunder der Bundesrepublik, eine polnische Wundertat genannt werden.

In Warschau erzählen die Steine von drei jungen Perioden der geistigen Auseinandersetzung. Zuerst war da der von den Russen geschenkte, die Kirchen weit überragende Kulturpalast, ein mißverstandenes Rockefeller Center mit komischen Nippesverzierungen. Jeder westliche Besucher wird an englische Hochzeitskuchen erinnert. Im Innern ist der Bau vielleicht sinnvoll in seinen Funktionen, von außen ist er eine Demonstration der Macht und des Pomps und – der geistigen Leere. Heute entzündet sich an dieser „Kulturkathedrale“ der polnische Witz.

An Aufmarschplätzen und Prunkstraßen reihten sich nach diesem Muster die stumpfsinnigen pseudoklassischen Häuser bis weit in die Außenbezirke hinein. Die überall an solchen Straßen aufgestellten Lautsprecher, die zwischen Musikberieselungen Parolen ausgaben, sind inzwischen längst verstummt. Transparente und Spruchbänder, wie sie in der deutschen Sowjetzone den Menschen keine Ruhe gönnen, sind aus dem Stadtbild verschwunden.

Die Polen haben sich dann daran gemacht, peinlich genau nach alten Plänen und nach Bildern Bernardo Canalettos in der Altstadt, in der Krakowskie Przedmiescie und im Nowy Swiat („Neue Welt“) ihrer europäischen Geschichte und ihrem verfeinerten Geschmack wieder Ausdruck zu geben. Es hat viele Diskussionen darum gegeben. Dagegen waren: die Kommunisten und – die besten bildenden Künstler.