Von Marcel Reich-Ranicki

Obwohl dieser Erstling ganz gewiß nicht als epische Kunstleistung bezeichnet werden kann und obwohl auch sein zeitdokumentarischer und informatorischer Wert nicht allzu groß ist, haben wir es mit einer höchst bemerkenswerten und vielleicht sogar symptomatischen Neuerscheinung zu tun. Mehr noch: dieser Roman gehört zu jenen Büchern, die die lesende Welt seit mehr als einem Jahrzehnt von den deutschen Autoren verlangt –

Christian Geißler: „Anfrage“; Claassen Verlag, Hamburg; 256 + XIV S., 12,80 DM.

1945, nahm man an, die große Auseinandersetzung der deutschen Literatur mit dem, was zwischen 1933 und 1945 geschehen war, werde in wenigen Jahren beginnen. Natürlich war man weder in Deutschland noch im Ausland so leichtsinnig, gleich mit reifen und bedeutenden Werken zu rechnen. Im Gegenteil: man rechnete mit einer jungen, unbeholfenen und intellektuell nicht reichhaltigen, unreifen und gewiß formal unzulänglichen, aber heftigen, zornigen und ergreifenden Literatur. Man wartete auf einen Schrei des Schmerzes und der Verzweiflung, der Schande und der Empörung. Mag er heiser sein, wenn er nur ehrlich ist – so meinten damals viele.

Heute wissen wir es: Die Schriftsteller haben zur Gewissenserforschung der jüngsten deutschen Vergangenheit nur in sehr bescheidenem Maße beigetragen. Wenn wir auch einige Bücher nennen können, in denen versucht wurde, mit jener Periode und ihren tieferen Folgen abzurechnen, so muß fünfzehn Jahre nach Kriegsschluß das (freilich simplifizierte) Pauschalurteil doch lauten: Die neue deutsche Literatur hat ihre moralische Hauptaufgabe bisher nicht zu lösen vermocht.

Die Erfahrung beweist jedoch, daß der Literatur eines Volkes nichts geschenkt wird. Die Schuld wurde nicht beglichen, und somit ist das Konto weiterhin erschreckend. Vom Ablaß darf auch heute keine Rede sein – nur vom erzwungenen Moratorium. Was wir also in den Büchern der fünfziger Jahre – von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen – vermissen mußten, werden wir in den Büchern der sechziger Jahre geduldig suchen.

Eben in diesem Zusammenhang scheint Geißlers Roman wichtig zu sein. Dieses Buch ist leidenschaftlich und rücksichtslos, radikal und aggressiv, zornig und hemmungslos. Und es ist gleichzeitig unreif, oft sehr naiv, unbeholfen, mitunter sentimental und melodramatisch. Nicht die Analyse steht im Vordergrund, sondern die Anklage, die – trotz vieler polemischer und publizistischer Fragmente – weniger im Intellektuellen als im Emotionalen verwurzelt ist. Ein heiserer Schrei, gewiß, doch ein erschütternder Schrei, dessen Ehrlichkeit nicht bezweifelt werden kann.