Der Bodensee – Einklang aus Landschaft, Mensch, Architektur – Siegt der laute Verkehr?

Von Wolfgang Martin Schede

Ein frommes und naives Legendenbild, von der Hand eines unbekannten Malers geschaffen, schildert die Erschließung der „Augia regalis“, der königlichen Aue, der Insel Reichenau, hinter deren Klostermauern unter der Mahnung der benediktinischen Regel „Ora et labora“ der geistige Mittelpunkt der Bodensee-Landschaft sich gefügt hat. Zwischen schweizerisches und deutsches Ufer gebettet, auf dem der Betrachter das kleine Fischerdorf Ermatingen und den Arenenberg im Hintergrund auf Schweizer Seite und am vorderen Bildrand die kleine deutsche Seegemeinde Allensbach erkennt, liegt wie ein geschlossenes Bollwerk die Insel, auf welcher der fromme Schilderer vorwegnehmend die geistlichen Bauten der Reichenau mit topographischer Treue wiedergibt. Ihr nähert sich, aufrecht im Nachen stehend, in vollem, reichem Ornat mit segnend erhobener Hand Pirmin, der Chorbischof und Begründer des geistlichen Inselreiches. Vor dem Kiel des Schiffleins aber flieht, die Insel, die es bevölkerte, freigebend, allerlei grausiges Getier, Schlange, Kröte und Molch, in die Weite, und die Ordo des Geistes nimmt Besitz von der Stätte, auf der bisher das Elementarisch-Ungeordnete sein Wesen trieb.

Grundakkord des Lebens

Eine fromme und naive Schilderei, wie gesagt, aber, dem Künstler vielleicht unbewußt, mehr als dies, nämlich ein Symbol von eindringlicher Kraft, ein Symbol zugleich für die Landschaft des Bodensees. Denn auch heute noch, ein Vierteljahrtausend nach der Entstehung dieses Bildes, nach einer Zeitspanne gründlich umgestaltender Entwicklungen unseres geistigen und materiellen Lebens, liegt über dieser Landschaft etwas von dem Segen, den ihr Pirmin im Jahr 724 erteilt hat, als der Karolinger Karl Martell dem Bischof Pirmin und seinen Mönchen die Insel zur Klostergründung schenkte. Im Zusammenspiel von Himmel, Wasser und sanft gewellter Hügellandschaft, der die Luftfeuchte und die wechselvoll bewegten Uferkonturen an Sommertagen Züge fast mediterraner Heiterkeit und Helle verleihen, entsteht jener der Meditation und schöpferischen Kraft so förderliche Grundakkord des Lebens, und es ist daher keineswegs zufällig, daß am Gestade dieses Sees so zahlreiche Männer des Geistes durch die Jahrhunderte gewirkt haben. So lebte auf der Reichenau im neunten Jahrhundert einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit, Walafried Strabo, der Verfasser des „Hortulus“, der zu den anmutigsten Gebilden mittelalterlicher Dichtung zählt, und in jenem den sieben freien Künsten geweihten Kreis der Männer der Augia regalis Hermann „der Lahme“, Astronom, Liederdichter, Komponist und Verfasser der berühmten marianischen Antiphone „Ave redemptoris mater“ und „Salve Regina“, ein Mann, der von seinen Zeitgenossen als Weltwunder bezeichnet wurde. In Uberlingen war der Mystiker Seuse (oder Suso, wie sein latinisierter Name lautet) beheimatet, und in Meersburg lebte der „wunderbare Hr. Dr. Mesmer vom Bodensee“, der Entdecker des „tierischen Magnetismus“.

Soviel über den geistigen Hintergrund dieser Landschaft, die in verschwenderischer, vegetativer Kraft um die Ufer des Sees gelagert ist. Vor ihm bauen sich die Zeugen ihrer Kraft auf, die geistlichen und profanen Kostbarkeiten der Klöster, Burgen und reichsunmittelbaren Städte, Repräsentanten geistiger und weltlicher Macht, und schließlich dann die geruhsam-tätige Vielfalt des täglichen Lebens, gebunden an stille Fischer-, Wein- und Obstbauerndörfer hüben und drüben, im schweizerischen Thurgau und dem deutschen Linzgau.

Eines fällt an dieser Landschaft unmittelbar auf: das Gleichgewicht zwischen den natürlichen Gegebenheiten und den vielfältigen Zeugnissen menschlicher Ansiedlung. Die Weite des Lebensraumes und Lebensgefühles hat das menschliche Expansionsbedürfnis hier geläutert, hat es zu einem erstaunlichen Maßhalten bewogen und ihm seine eigenen Gesetze aufgezwungen. In diesen Bauten um den See begegnet der Betrachter keinem hybriden menschlichen Geltungsbedürfnis – alles ist gleichsam besänftigt, und die Architekturen werden zum Element der Landschaft. Weich und verhalten wie diese, schmiegen sich die kleinen Ortschaften in die Buchten. Schon in den ältesten Bauten, den Kirchen der Reichenau und an dem kleinen Godbacher Kapellchen unweit Überlingen wird dieses Eingehen in die Natur, dieses mehr Bestätigen als Behaupten spürbar. Und es hat sich durch die Jahrhunderte fortgesetzt.