Von Karl Techus

Seit ich „Lolita“ gelesen habe, bin ich ein anderer Mensch.

Dabei hatte ich fest vor, der zu bleiben, der ich war. Aber alles kam anders, und an all dem ist „Lolita“ schuld.

Es begann vor neun Monaten. Damals ging ich eines Abends aus dem Büro nach Hause. Ein Kollege, mit dem ich ein Stück Wegs gemeinsam habe, deutete plötzlich mit einer unauffälligen Bewegung auf einen ergrauten Vater, der, sein Töchterchen an der Hand, vor einem Schaufenster stand, und murmelte dazu: „Schon wieder so ein Humbert Humbert.“

Meine naive Warum-Frage wurde mit einer Gegenfrage beantwortet, die ich von da an immer wieder hören sollte: „Ja, haben Sie denn Lolita noch nicht gelesen?“

Nein, ich hatte das Buch nicht gelesen. Ich pilgerte damals gerade mit Wilhelm Meister durch seine Wanderjahre und mir war klassisch edel zumute.

Bald jedoch sollte sich zeigen, wie hilflos und verloren ich jener ständig wachsenden Unzahl von Nabokov-Lesern gegenüberstand. Die oben zitierte Frage wurde mir (täglich viermal) mit derart hinterhältiger Betonung gestellt, daß ich an meiner Allgemeinbildung füglich zweifeln mußte. Außerdem pflegten die Frager allesamt so maliziös zu lächeln, daß mein Großhirn immer neue Assoziationen zu Ritters bebilderter Sittengeschichte knüpfte.