Es war ein nationales Ereignis für Frankreich und fast ein schiffahrtsgeschichtliches: der Stapellauf der „France“ in St.Nazaire. Ein Paradoxon schien es, daß die Feier mit der größten Versammlung von Flugzeugen begann, die die Rollbahnen der kleinen Stadt an der Loiremündung je gesehen. Sie und eine Reihe von Sonderzügen hatten allein 6000 Ehrengäste aus ganz Europa herangebracht.

Dem Glanz des Tages die Krone aufzusetzen, waren Präsident de Gaulle und seine Frau höchstselbst gekommen. Der längste Staatsmann der Welt sollte das längste Schiff der Welt zu Wasser lassen; etwas anders war die Gigantik des Ereignisses von der Werft ausgedrückt: „Die 33 500 Tonnen Stahl sind die schwerste Masse, die je in Frankreich durch Menschenhand in eine gezielte Bewegung gesetzt worden ist.“ Die Ablaufbahn der Helling von Penhöet – dieselbe, auf der die heutige „Bremen“ 1937 als „Pasteur“ gebaut worden war – mußte dazu um hundert Meter unter Wasser verlängert werden, und fünfzig Tonnen Schmiermittel verdampften beim Ablauf unter der Reibungshitze zwischen dem stählernen Berg und den Gleitschienen.

Doch wie die Länge de Gaulles nicht eigentlich Seine Größe ausdrückt, so nicht die Länge des Schiffes seine Bedeutung. Zweifellos war die Überlänge eines anderen Kolosses einst Sensation, 1858, als mit der 211 Meter langen „Great Eastern“ das längste Schiff des vorigen Jahrhunderts zu Wasser kam – übrigens mit Schlagseite –, und das nach einigen unglücklichen Fahrten schließlich verschrottet wurde. War es einst Sensation, was die Menschen zum Stapellauf lockte, so war es hier nur noch ein Gag: Die „France“, das nunmehr längste Passagierschiff der Welt, mißt nur 175 Zentimeter mehr als das bisher längste, die 313,75 Meter lange „Normandie“.

Die eigentliche Bedeutung dieses Neubaues liegt schon mehr in der technischen Leistung und praktischen Ausführung dieses schwierigen Stapellaufs, doch von wirklicher Bedeutung bleiben die Konstruktion und die Ausstattung des Schiffes für eine ganz neue Art von Seetouristik – freilich noch nicht vergleichbar mit dem Plan des amerikanischen Finanziers Cantor, auf 90 000-Tonnen-Schiffen Atlantikpassagen für 50 $ zu ermöglichen.

Die Sensation der „France“ beginnt noch nicht beim Preis für die Überfahrt – die 500 Passagiere in der Ersten und 1500 in der Touristenklasse werden für die Tickets soviel zahlen wie bisher –, wohl aber bei den Baukosten, die in keiner Beziehung zur Amortisation stehen: Der Rohbau des 55 000 BRT großen Schiffes kostete allein 350 Millionen Mark. Daß es sich hier um ein mit Defiziten beladenes Prestigestück handelt, sieht man an der Relation zwischen Baukosten und Größe, die bei einem modernen Passagierschiff nach den neuesten schiffbautechnischen Errechnungen am günstigsten bei 30 000 BRT liegt.

Was die Passagiere der „France“ überraschen wird, sind Modernität und Komfort, die in der Passagierschiffahrt beständig gesteigert wurden seit der historischen „erstmaligen fahrplanmäßigen Reise eines Dampfschiffes“ am 17. August 1807 – Robert Fultons „Clermont“ fuhr damals mit 20 PS vierzig Fahrgäste über die Fluten des Hudson und war nach zeitgenössischen Berichten „ein plumpes Fahrzeug, das genauso aussieht wie ein Sägewerk, das auf einer Platte montiert und in Brand gesteckt wurde.“

Der Komfort der „France“ liegt allein schon in ihrer Länge, die garantiert, daß das Schiff auch in der längsten bekannten Dünung gleichzeitig auf mindestens drei Wellenbergen aufsetzt und das Stampfen den kleineren Schiffen überläßt. Zwei gesteuerte Flossenpaare werden zudem das Schlingern auf das Mindestmaß herabsetzen.