-en, Flensburg, Ende Mai

Auf der Anklagebank saßen zwei Offiziere der Bundesmarine: Der 39 Jahre alte Korvettenkapitän Hans Otto Kleve vom dritten Schnellbootgeschwader und sein Wachoffizier, der 23 Jahre alte Leutnant zur See Hannes Ewerth. Angeklagt waren sie wegen fahrlässiger Seetrans-Dortgefährdung und fahrlässiger Körperverletzung – ein bisher einmaliger Fall in der Bundesmarine.

Geschehen war folgendes: Das Schnellboot „Löwe“, dessen Kommandant der Kapitän Rieve war, fuhr in der Nacht zum 9. Oktober 1959 nach einer Tages-Verbandsübung von Kiel nach Flensburg zurück. Bei dieser Nachtfahrt sollte das Erkennen von Leuchtfeuern, beleuchteten und unbeleuchteten Seezeichen sowie die rechtzeitige Meldung von anderen Schiffen geübt werden. Daß solche Übungen notwendig sind, zeigte sich auf recht fatale Weise: Am Eingang der Flensburger Förde – auf der Höhe Neukirchen-Langballig – tauchte vor der „Löwe“ plötzlich die Silhouette der Segeljacht „Korsar“ auf.

Die „Korsar“ war mit vier anderen Jachten der Bundesmarine zu einer Übung nach Dänemark ausgelaufen und kreuzte die Fahrtrichtung des Schnellbootes. Auf dem Radarschirm war sie nicht festgestellt worden, und den Hinweis eines Matrosen auf ein Lichtzeichen hatte der Schnellboot-Kommandant. mit der Vermutung abgetan, das Zeichen stamme von einer mehrere Seemeilen entfernten Leuchttonne. Auf jeden Fall war es in dem Augenblick, da man von der Brücke des Schnellbootes die „Korsar“ sah, zu spät für ein Ausweichmanöver. Das Schnellboot rammte die Jacht, die sofort sank; die vierköpfige Besatzung wurde gerettet.

Das Gericht war der Ansicht, daß bei dieser Kollision eine ganze Reihe von „widrigen Umständen“ zusammengewirkt hätten: Keine ausreichenden Positionslaternen bei der „Korsar“, eine für Radar und Lichtzeichen ungünstige Segelstellung der Jacht, die außerdem noch ohne zwingenden Grund das Hauptfahrwasser gekreuzt habe. Der Schnellbootkommandant habe nicht damit rechnen müssen, in dieser Nacht ein ungenügend beleuchtetes und schlecht sichtbares Segelboot in einem Hauptfahrwasser anzutreffen. Allerdings sei die Geschwindigkeit des Schnellbootes viel zu hoch gewesen. Die „Löwe“ fuhr immerhin 36 Knoten, also in der Minute 1100 Meter...

Die beiden Angeklagten wurden vom Gericht freigesprochen. Die Frage freilich, was künftig geschehen soll, um die Sicherheit der Schiffahrt und der Sportsegler auch bei Schnellbootübungen zu gewährleisten, blieb unbeantwortet. Zwar forderte der Gerichtsvorsitzende Bundesmarine und Sportsegler auf, künftig mehr an die Sicherheit auf See zu denken. Und er machte auch den Vorschlag, besondere Übungsgebiete für Schnellboote zu schaffen, die während der Übungszeiten für andere Schiffe gesperrt werden sollen. Aber wo diese Übungsgebiete sein sollen, ist eine knifflige Frage. Der Platz für Sportler an den Küsten ist beschränkt – vor allem im Sommer, während der Segelsaison. Und beide – Schnellboote wie Segelboote – haben ein Recht auf Wasser.