Studenten zwischen autoritärem Erbe und Demokratie – Gegen Menderes, doch wofür? – Zünder ohne Bombe

Von Egon Vacefc

Ankara, Ende Mai

Wenn der türkischen Jugend zu Ohren kommen sollte, daß es eine Bewegung gibt, die die Reformen schwächt, dann darf sie sich nicht darauf – berufen, daß es im Lande Polizei, Soldaten und eine Justiz gibt, dann muß sie sofort einschreiten. Mit Steinen, mit Stöcken und Waffen muß sie ihr Werk verteidigen und wahren.“

Also sprach Kemal Atatürk 1927 vor dem Lehrerinnen-Institut in Bursa, Vater der Türken. Diese Worte und eine ähnliche Parlamentsrede vom Jahre 1928 nennen die Jungtürken „Atatürks Testament“. Hierauf berufen sie sich, wenn man sie in Istanbul, in Ankara oder in Izmir fragt, warum sie eigentlich gegen die Regierung Menderes demonstrieren. „Wir wollen das Werk Kemal Atatürks verteidigen! Wir wollen Freiheit und Demokratie!“

Freilich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Kemal Atatürks hat die Reste des ottomanischen Imperiums von dem törichten Vertrag von Sèvres befreit, er hat die Besatzungsmächte (Franzosen, Engländer, Griechen, Italiener) zur Räumung des Landes gezwungen, er hat aus dem anatolischen Kern des Sultanreiches kunstvoll eine – zunächst – künstliche Nation geschaffen. Er verjagte den Sultan, er zwang die neue Türkei, den Blick vom Osten zum Westen zu lenken und hier ihre Vorbilder, ihre Lebensformen zu suchen. Er schaffte den Islam als Staatsreligion ab, verbot Schleier und Fez, führte das lateinische Alphabet ein – das alles ist sein geschichtliches Verdienst. Nur – ein Demokrat war er eben nicht.

Vorbild: Ein Diktator