Ein bravouröses schauspielerisches Kabinettstück bot am vergangenen Sonnabend das Hamburger Schauspielhaus mit Friedrich Hebbels „Gyges und sein Ring“: die Regie war bis in letzte Details durchdacht, kultiviertere Sprecher als Gustaf Gründgens, Joana Maria Gorvin und Sebastian Fischer dürften Hebbels Verse kaum je gefunden haben und gegenwärtig in Deutschland gewiß nicht wieder finden. Nur zeigte es sich, daß es dem heutigen Zuschauer sehr schwer fällt, an Hebbels tragischem Gedankenspiel, in dem jeder der drei ineinander Verstrickten auf seine Weise recht hat, mitleidend teilzunehmen – vor allem wohl, weil der vordergründige Anlaß des tragischen Geschehens (kein männliches Auge darf die Königin Rhodope erblicken) heute als ein so abseitiger Sonderfall anmutet, daß die Katastrophe durchaus nicht mehr die notwendige Unausweichlichkeit zu besitzen scheint. Der stürmische Beifall bezog sich darum auch durchaus nicht auf die Glanzstellen des Textes, sondern auf den schauspielerischen Glanz der Aufführung. Und das Museumshafte, die üppig verwendete Patina des vortrefflichen Bühnenbilds von Caspar Neher erwiesen sich (vielleicht ungewollt) von atmosphärischer Symbolträchtigkeit. Unsere Abbildung zeigt Gustaf Gründgens in der Rolle des Lyderkönigs Kandaules, mit einer Reproduktion des Rouault’schen Gemäldes, das seiner Maske als Vorlage gedient hat.