Die turbulenten Pariser Verhandlungstage haben trotz aller guten Vorsätze, die Ruhe zu bewahren, wieder zu einem kurzfristigen Kursrückschlag geführt, dem eine jähe Erholung folgte. An den europäischen Börsen war zwar mit einem unruhigen Verhandlungsverlauf gerechnet worden, wie die Widerstandsfähigkeit der Kurse bis zum endgültigen Abbruch der Konferenz zeigte. Nicht einkalkuliert hatte man aber die Wirkung, die das Wiederaufleben des Kalten Krieges auf die amerikanischen Börsen hätte. Als in Wallstreet das Interesse für Flugzeug-, Stahl- und Raketenindustrie-Aktien überraschend stieg und z. B. die seit 1958 vernachlässigten Boeing Airplane binnen weniger Tage von einem Kurs von $ 24 auf $ 30 anzogen, schien es, als habe die Baisse der amerikanischen Aktienmärkte ein Ende gefunden.

Kein Wunder also, wenn sich das international orientierte Kapital wieder der New York Stock Exchange zuwandte und dem in den letzten Monaten bevorzugten Europa den Rücken kehrte. Vor allem in Amsterdam und an den deutschen Börsen trafen umfangreiche Verkaufsaufträge ein, die die nötigen Mittel für die Anlage in amerikanischen Aktien frei machen sollen. Der Entschluß zum Verkauf fiel den Ausländern leicht, da der Kursanstieg der letzten Wochen und Monate die Realisierung erheblicher Gewinne zuließ, während in den USA die Notierungen seit Jahresbeginn zum Teil um 20 bis 30 v. H. zurückgegangen waren.

Die Reaktion der deutschen Börsen auf die umfangreichen ausländischen Abgaben zeigte, daß ein – vom Standpunkt der Marktstabilität aus gesehen – unerfreuliches Beispiel der Amsterdamer Börse auch in Deutschland Schule zu machen beginnt. Sobald größere Abgaben aus den USA oder der Schweiz erfolgen, werden, erst einmal die „Taschen geschlossen“ und erst dann wieder geöffnet, wenn erhebliche Kursrückgänge hierzu verlocken. Der Fehler dieser Methode ist freilich – abgesehen davon, daß sie dem Ruf der Börse schadet –, daß allzu scharfe Kursrückgänge bei den Standardwerten dem anfangs noch kaufbereiten inländischen Anleger den Mut rauben oder ihm zumindest dazu verleiten, den Kaufauftrag allzulange hinauszuschieben. So zögerte auch diesmal die Mehrzahl der Anleger auch noch, als z. B. Siemens von rund 590 bis auf 530 gefallen waren, obgleich noch vor wenigen Tagen auch der hohe Kurs gern bezahlt worden war. Wie bei fast allen durch die Politik verursachten Kursrückgängen war auch diesmal das Warten ein Fehler. Die Furcht, sich zu früh zu engagieren, hat manchen zuvor gefaßten Entschluß, bei rückläufigen Kursen einzusteigen, unausgeführt gelassen, obgleich die tatsächlich eingetretenen Einbußen von 30 bis 50 Punkten über das ursprünglich gesetzte Maß sehr wahrscheinlich hinausgegangen waren. Eine schlagartige Kurserholung rechtfertigte inzwischen auch Käufe, bei denen man (scheinbar) etwas zu früh eingestiegen war. Nach dieser schnellen Kurserholung stellt sich die Frage, ob auf der erhöhten Basis weitere Käufe noch interessant erscheinen. Eine Reihe von Werten notiert auch nach der Erholung noch niedriger als vor einer Woche und scheint daher noch einige Chancen zu bieten. So stehen die Berlin-Werte noch beträchtlich unter ihren Kursen zu Beginn dieses Monats. Eine Schultheiß-Brauerei-Aktie kostet nur die Hälfte der Holsten-Aktie. Auch Schering notieren rund 150 bis 200 Punkte unter vergleichbaren anderen deutschen Chemiewerten. Ebenso haben die international bekannten deutschen und holländischen Standardwerte wie Siemens, Farben Bayer, AKU usw. nicht sofort die zuvor verzeichneten Höchstkurse wieder erreicht, obgleich gerade, in diesen Tagen von den Gesellschaften oder aus ihren Branchen Berichte über einen anhaltend, günstigen Konjunkturverlauf bekannt wurden – was letzten Endes auch die Amerikaner wieder zum Kauf europäischer Werte anregen dürfte, da günstige Erfolgsberichte in den USA noch weit stärkeren Widerhall finden als in Europa.

Für den Spezialisten, der gewohnt ist, das Risiko optisch hoher Kurse zu übernehmen, haben scharfe Kursrückgänge manche bisherigen Favoriten wieder interessant werden lassen. Chemie-Verwaltung sanken vorübergehend auf 990 zurück. Dieses „Interessenpapier“ dürfte auch nach einer Kurserholung den Wagemutigen immer noch zum Kauf reizen.

Die schnelle Kurserholung, die trotz der Geschäftsverlagerung auf die amerikanischen Börsen erfolgte, hat gezeigt, daß erhebliche Beträge bei den deutschen Anlegern bereitstehen, und daß die deutschen Börsen auch ohne die Hilfe des ausländischen Kapitals die Kurse auf ihren Stand halten können. Dies ist ein beruhigender Tatbestand, an den man sich vor allem dann erinnern sollte, wenn wieder die Politik oder andere, Ereignisse unruhige Börsentage nach sich ziehen sollten.

Der Eindruck, daß die deutschen Börsen im Inland eine gesunde Basis haben, verstärkt sich noch, wenn berücksichtigt wird, daß in diesen Tagen umfangreiche Kapitalerhöhungen durchzuführen sind, jedoch beim Handel der Bezugsrechte kein besonderer Kursdruck spürbar wurde. Die Kapitalerhöhung der Dortmund-Hörder-Hüttenunion bildet hierbei eine Ausnahme, da die Dividendensenkung im letzten Jahr (und das Ausbleiben einer Wiederheraufsetzung) dazu geführt hat, daß die Kursentwicklung bei Dortmund-Hörder als ein Sonderfall gilt.

Hinter der bewegten Kursentwicklung am Aktienmarkt trat in den letzten Tagen der Rentenmarkt zurück. So fiel es kaum auf, daß der seit Wochen anhaltende Kursrückgang bei der Mehrzahl der Rentenwerte wieder zu einer beachtlichen Rendite geführt hat. Sogar bei den steuerfreien Anleihen, bei denen noch vor kurzem von einer Mangellage gesprochen wurde, ermäßigten sich die Kurse. – Die deutschen Auslandsbonds gingen stärker als der Durchschnitt zurück, und die 5prozentigen Dawes-Anleihen bieten bei einem Kurs von 101 1/2 eine steuerfreie Rendite von mehr als 4 3/4v. H. W. M.