Mailand, im Mai

Kurz hinter Perugia verließen wir, von Mailand kommend, die Straße nach Arezzo. „Colle della Trinità, 680 m sul 1. d. m.“ (über dem Meeresspiegel) stand auf einem kleinen Schild. Der Wagen kletterte die gewundene Nebenstraße hoch, an deren Asphaltierung eilig gearbeitet wird. Zu beiden Seiten wildverwachsene Schluchten, junge Schonungen mit Pinien, Zypressen, Ölbäumen und Oleandern; kleine Geschäfte in Weinreben und Mais halb verborgen.

Bei jeder Kurve wurde der Ausblick über die Berge und Täler Umbriens freier. Perugia tauchte auf und Assisi. Auf der luftigen Höhe des Gipfels war der Weg vorläufig zu Ende, doch sah man schon, daß er unter den Pinienreihen wieder zur anderen Seite hinabführen wird. Wie schön frisch muß es hier sein, wenn der Sommer über dem Lande brütet. Ein Häuserkomplex aus rosagrauem Gestein. Ein Vorhof, ein alter Ziehbrunnen in der Mitte. Eine Glastür tat sich auf: wir waren im Restaurant „Colle della Trinità“ einer der schönsten Gaststätten, die Italien neuerdings zu bieten hat. Durch die hohen Fenster kann man sechzig, siebzig Kilometer weit sehen, und manchmal, wenn es ganz klar ist, sogar hundert.

Auf dem blanken Ziegelboden naturfarbene Stühle und Tische; Ziegelpfeiler tragen die helle Holzgalerie. Ein Barraum lädt ein mit bequemen Sesseln, in angenehmen Farbtönen. Ein Teller mit umbrischer Pizza stand schon bereit, dieser herrlich herben, lockeren Mehlspeise mit viel Eiern und Parmesan gebacken. Dazu gab es milden rohen Schinken, ein paar Scheiben vom salzigen Wildschweinschinken und ein Glas vino bianco secco. Verheißungsvoller Auftakt! Der Koch, von Geburt Bologneser – Bologna gilt als die beste Küche Italiens –, versteht es, abwechselnd die schmackhaften Gerichte seiner Heimat und die Umbriens zu servieren.

Ich fragte den Wirt, wer auf die glückliche Idee kam, hier herauf zu ziehen und den Touristen ganz Umbrien zu Füßen zu legen. Er verwies mich an den Architekten, der gerade mit Essen fertig war. Wenn das Restaurant auch steht, es gilt noch ein großes Programm hier oben zu verwirklichen. Eigentümer ist eine Società aus fünf Personen, darunter auch der Architekt Gherardi und der Präsident des Ente Provinciale per il Turismo della Umbria, des umbrischen Verkehrsverbandes. Ein Ferienparadies wird entstehen. Auf dem Terrain von 240 Hektar, auf dem bis zum 1. April 1959 nur ein kleines Haus stand, wird im Laufe dieses Jahres noch ein Hotel mit zweihundert Betten fertig. Ein Kinderspielplatz, zwei Tennisplätze und ein Hockeyplatz werden angelegt. Ein Schwimmbecken ist geplant, Angler werden zwei Fischteiche benutzen dürfen, und für die leidenschaftlichen Jäger ist im Umkreis ein Terrain gesichert, weit genug abseits, damit ihre Knallerei nicht stört.

Der Berg steht unter Naturschutz. Besonderes Augenmerk widmete die Società der Pflege, Erhaltung und Vermehrung des Baum- und Buschbestandes. Fein auskalkuliert sind Terrains, auf denen Ferienhäuser für ein bis zwei Familien mit drei bis fünf Betten, kleiner Küche, Bad und Aufenthaltsraum gebaut werden. Für die Gäste werden Ausflüge organisiert, wohin sie immer wollen: nach Perugia oder Assisi, Siena oder zum Trasimenischen See.

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P. S. Im vorigen Jahr hat der Verkehrsverein von Siena (Ente Turismo die Siena) einen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem außer Autos und ähnlichen hübschen Dingen auch ein Stück Land vom Colle della Trinità verlost wurde. Ein deutscher Journalist aus Bonn gewann das Stück Land, doch, o Wunder, bis heute hat er sich nicht gemeldet. Carola Eckert