Harte Propaganda – und doch wartet jeder auf den Versuch eines Gesprächs

Warschau, Ende Mai

Ehe ein Bundesrepublikaner nach Polen reist, läßt er sich am besten Elefantenhaut wachsen! War es schon – als Auftakt zur Gipfelkonferenz – der Sinn der offiziellen Propaganda, die Westdeutschen als die Teufel hinzustellen, so stiegen die Haßtiraden gegen die „NRF“ (Niemiecka Republika Federalna) und gegen „Kanzler Adenauer“ nach dem Scheitern der Pariser Gespräche zur Siedehitze. Zugleich hat auch eine Kampagne gegen die Vereinigten Staaten und Präsident Eisenhower eingesetzt, die den Westen allein verantwortlich machen will für das Fiasko von Paris.

„Militarismus“, „Neo-Kolonialismus“, „Revanchismus“, „Revisionismus“, „Faschismus“ – so lautet die stumpfsinnige Litanei der Schlagworte. Was nützt es, wenn der Gast in Warschau beteuert, daß die Bundesrepublik als Staat zu modern oder – um das hier so geläufige Wort zu gebrauchen – zu fortschrittlich sei, um noch Kolonial-Ideen nachzuhängen? Was nützt sein Schwur, daß kein Deutscher, und – um es ganz deutlich zu sagen – kein deutscher Heimatvertriebener es wagen würde, einer kriegerischen Auseinandersetzung um Gebiete hinter der Oder-Neiße-Linie das Wort zu reden? Was nützen alle Argumente für die Wahrheit, daß es für die Nazis keine Chance in der Bundesrepublik gibt? Nichts! Es ist oft sogar unmöglich, sich darüber zu einigen, wovon man überhaupt spricht, weil man nicht nur aus einer Sprache in die andere, sondern auch aus einer Ideologie in die andere übersetzen muß.

Nun wird es freilich den offiziellen Stellen leicht gemacht, das Bild der Bundesdeutschen immer mehr anzuschwärzen. Bonn unterhält keine diplomatische Vertretung in Polen, während die „NRD“ (Niemiecka Republika Demokratyczna), die deutsche Sowjetzone, in Warschau nicht nur eine Botschaft hat, sondern auch ein Informations- und Kulturhaus, vor dessen zwanzig Meter langer Fensterfront an einer der Hauptstraßen sich oft die Leute drängen. Warum gibt es nicht wenigstens ein westdeutsches Handelskontor in der polnischen Hauptstadt, oder – wenn das nicht zu erreichen ist – ein lockendes Schaufenster mit Erzeugnissen einer westdeutschen Firma, die mit Polen Handelsbeziehungen unterhält, da wir schon nicht, wie es der englischen Botschaft möglich ist, in Schaukästen eine liebenswerte Königin, eine glückliche Prinzessin und einen strahlenden Photographen vorstellen können, vor denen Schaulustige in Reihen stehen?

Nun braucht der Fremde gottlob in diesem Lande nicht lange, um zu erfahren, daß es neben der offiziellen Meinung noch unzählige andere Ansichten gibt. Die Gleichförmigkeit ist nur äußerlich. Und in Polen ist Kommunist nicht gleich Kommunist. Es gibt solche, die jeden Deutschen in Kollektivschuld nehmen und für die Nazitaten verantwortlich machen wollen. Es gibt andere, die sagen: „Wir müssen vergessen und Kontakte suchen!“ Andererseits sind unter jenen Polen, die nichts mit dem Kommunismus zu tun haben wollen, Deutschenhasser. Kein Wunder in diesem Lande, in dem man kaum einem erwachsenen Menschen begegnet, der nicht am eigenen Leibe Grauenhaftes im Kriege erlitt oder Familienangehörige im KZ und im Widerstandskampf verlor. Die Wunden sind noch offen, denn sie waren tief. Und sie werden künstlich offen gehalten.

Sorge um die Westgrenze