Die Freien Demokraten haben im letzten halben Jahr manche Andeutungen darüber gemacht, daß sie mehr zur CDU als zur SPD tendieren. Zarte Winke waren es, denn es galt ja das Gesicht zu wahren. Der jüngste Beschluß der Bonner FDP-Zentrale freilich läßt solche Vorsicht außer acht. Den Stuttgarter Parteifreunden wurde empfohlen, sich für eine FDP/CDU-Koalition einzusetzen – eine Regierung ohne die Sozialdemokraten.

An staatspolitisch wertvollen Motiven für diese Empfehlung fehlt es gewiß nicht. Die Große Koalition, wie sie bisher in Baden-Württemberg bestand, ist sicher nicht die Idealform einer demokratischen Regierung, die auf der Wechselwirkung von Regierungsverantwortung und Kritik der Opposition beruht. In Stuttgart ist die Große Koalition – die vielleicht einmal nach der Gründung des Südweststaates berechtigt war – mehr und mehr zum Gefälligkeitskabinett geworden. Daß die Schwaben mit dieser „Vetterleswirtschaft“ nicht einverstanden waren, haben sie mit ihrer geringen Wahlbeteiligung deutlich genug gezeigt.

Trotzdem berührt es seltsam, daß das Herz der Bonner FDP-Führer so plötzlich und so stark für die schwäbische Demokratie schlägt. Und man wird den Verdacht nicht los, daß sich die FDP mit ihrem Vorstoß in Stuttgart bei der CDU gleichzeitig auch als Partner für die Bonner Regierung 1961 empfehlen möchte.

Ob freilich die FDP schon in Stuttgart ihr Koalitionsziel erreicht, ist sehr zweifelhaft. Alle bisherigen Regierungsparteien – also auch SPD und BHE – haben sich zur Mitarbeit in der neuen Koalition bereit erklärt. Und Ministerpräsident Kiesinger betonte, daß „die Entscheidung über die künftige Koalition selbstverständlich nicht in Bonn, sondern in Stuttgart getroffen wird“. Dieses Wort ist wohl nicht allein an die Adresse der Bonner FDP gerichtet. Auch in der CDU-Parteiführung scheint man sich für den Gedanken einer bürgerlichen Koalition in Stuttgart erwärmt zu haben, R. Z.