M. D., London, Ende Mai

Wie immer sich das Scheitern der Gipfelkonferenz auf die Reputation Eisenhowers und Chruschtschows in ihren Ländern auswirken mag, eines steht fest: Das Ansehen des englischen Ministerpräsidenten, der sich am meisten für das Zustandekommen des Treffens eingesetzt hatte, ist durch das Pariser Debakel in England überhaupt nicht beeinträchtigt worden. Die überwiegende Mehrheit der Landsleute Macmillans ist der Ansicht, Paris habe zwar bewiesen, daß mit Chruschtschow schwieriger zu verhandeln sei, als man geglaubt hatte, keineswegs aber, daß die politische Linie des Premiers verfehlt sei.

In der Flut der englischen Gipfelkommentare findet sich jedenfalls kaum ein Wort der Kritik an Macmillan. Ja, es gibt sogar Kommentatoren, die gute Gründe dafür anführen, daß die Position des englischen Premiers stärker ist als je zuvor. Gegen die Kritik der Opposition sei Macmillan gefeit, so argumentieren sie, denn die Labour Party habe ja nie einen Zweifel daran gelassen, daß sie eine Gipfelkonferenz als höchst wünschenswert ansehe. Die Labour-Führer haben denn auch dem Premierminister im Unterhaus bescheinigt, daß seine Haltung in Paris keinen Anlaß zum Parteienstreit gebe.

Zum anderen aber neigen manche Engländer zu der Ansicht, daß Macmillan – da Eisenhowers Macht und Einfluß mit dem Heranrücken des amerikanischen Wahltermins fortschreitend abnehmen müsse – der einzige westliche Staatsmann sei, der noch Aktionsfreiheit auf der Bühne der internationalen Politik hat. Und seit seiner Rückkehr aus Paris hat der englische Premier auch keine Äußerung getan, die ihm die Rolle eines ehrlichen Maklers zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten künftighin erschweren könnte.

In einem Punkt scheinen sich die britischen Experten einig zu sein: Chruschtschow hat den Weg zum Gipfel noch nicht endgültig verbarrikadiert. Sie glauben nämlich, daß sich die politische Situation nicht grundlegend geändert habe, und daß diese Situation Ost und West immer noch dazu zwingt, das Heil in Verhandlungen und nicht in einer militärischen Auseinandersetzung zu suchen. Die Änderung der Kreml-Politik könne nur taktischer Natur sein.

„Chruschtschow ist ein Neureicher“, so formulierte es einer der Kommentatoren. „Diese Leute neigen zwar dazu, sich in der Öffentlichkeit unmöglich aufzuführen, aber sie begehen nicht Selbstmord.“