In der „DDRsehen wir in wenigen Tagen einem literarischen Großereignis entgegen: Wenn sich die Lektoren der Zeitung „Neues Deutschland“ nämlich beeilen, wird bald ein Preis an den Arbeiter verliehen werden, der „aus Anlaß des 15. Jahrestages der Befreiung vom Hitler-Deutschland“ in einer Erzählung das Erlebnis geschildert hat, „bei dem ihm am stärksten bewußt wurde, daß die Befreiung vom Faschismus durch das Sowjetvolk eine entscheidende Voraussetzung für das neue Leben in der DDR“ war.

Man könnte über solch ein Preisausschreiben als eines der vielen Propaganda-Manöver zum Tag der Kapitulation hinweggehen, wenn nicht – zum mindesten, was die Literatur in der Zone betrifft – mehr dahinter steckte. Der Aufruf des „Neuen Deutschland“ wendet sich an die „Zirkel schreibender Arbeiter“, an Arbeitskreise also, die in letzter Zeit gebildet wurden und die ausersehen sind, eine neue „Epoche“ sozialistischer Literatur einzuleiten.

Seitdem die Partei vor einigen Wochen offen ihre Unzufriedenheit mit den Schriftstellern und mit dem Nachfolger des Ministers Johannes R. Becher, dem Genossen Alexander Abusch, geäußert hat, ist man offenbar nicht mehr bereit, den „sozialistischen Realismus“ den Schriftstellern allein zu überlassen. Während wir in Westdeutschland über die Kollektivierung der Landwirtschaft empört waren, wandte sich in der gesamten Zone die Agitation von der Stadt auf das Dorf, von den Plätzen und öffentlichen Versammlungen in die Betriebe und die kleinen Arbeitsgemeinschaften.

Nun scheint sich aber herausgestellt zu haben, daß der sozialistische Schriftsteller für diese Hinwendung ungeeignet ist. Offensichtlich gelingt es den linientreuen Autoren nicht, jenen intimen Kontakt mit den „werktätigen Massen“ herzustellen, der nach Meinung der Partei jetzt nötig ist.

Vielleicht ist es aber auch nur so, daß selbst Autoren, die sonst nicht allzu große Ansprüche an ihr Niveau stellen, sich scheuen, in diese letzten Niederungen der sozialistischen Literatur mit hinabzusteigen. Kurz: die Partei geht nun dazu über, den Schriftsteller zu ersetzen. In Leipzig zum Beispiel mußte ein Mann namens Günter Glante aus Bitterfeld eine Autorenstunde abhalten, zu der der gesamte Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel eingeladen war. Glante ist ein „schreibender Arbeiter“ aus dem Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld, und er hat zusammen mit seinem Zirkel ein „Tagebuch einer sozialistischen Brigade“ geschrieben. Daraus hat er vorgelesen – und es versteht sich, daß diese Autorenstunde „ein Erfolg war“.

Man verstehe uns nicht falsch: gute Schriftsteller können sich aus allen Berufen entwickeln, auch aus dem Arbeiterstand. Für viele sei hier nur an das Beispiel Heinrich Lersch erinnert, der ein großer Schriftsteller und guter Arbeiter war. Aber es gibt keinen Beruf, der von vornherein prädestiniert wäre, Schriftsteller aus seinen Reihen zu entlassen.

Nun, darum geht es ja auch gar nicht. Es geht in der Zone darum, „Intellektuelle“ zu ersetzen. Der Vorgang verdient festgehalten zu werden: in dieser Brutalität ist er in der Entwicklung der sowjetrussischen Literatur bis heute nicht aufgetaucht. Paul Hühnerfeld