Von Armin Mohler

Paris, Ende Mai

Noch nie ist das Fehlen einer sicheren amerikanischen Führung krasser zutage getreten, als wäh rend der letzten Woche. Amerikanische Vertreter waren es, die vor ihrer Abreise aus Paris französischen Freunden mit einem Seufzer der Erleichterung gestanden (und aus Konferenz-Kommentaren wie dem von James Reston oder der Herald Tribune konnte man kaum verhüllt das gleiche herauslesen): „Gut, daß de Gaulle da war – Ike hätte sonst das russische Ultimatum wohl angenommen und wäre zu Kreuze gekrochen. Die Folgen wären unabsehbar gewesen...“

Der Ausfall der amerikanischen Führung wurde in der Tat, wie es scheint, weitgehend durch die unerschütterliche Haltung de Gaulles wettgemacht, um den sich der Widerstand gegen die russischen Überrumpelungsversuche kristallisierte. Während Macmillan bis zuletzt, um Vermittlung bemüht, den Russen nachlief, hatte de Gaulle schon zu Beginn der Konferenz jeden Vermittlungsversuch aufgegeben; er hatte erkannt, daß die Sowjets die Tür zuschlagen wollten. Von Anfang an ließ er sich auch nicht auf jene moralinsaure Ebene manövrieren, auf der die Russen die „Großen Drei“ des Westens gern haben wollten. Das gelassene Wort wird in die Geschichte eingehen, mit dem er die russischen Versuche zurückwies, den guten Präsidenten Eisenhower mit seiner unglücklichen U-2 als „teuflisch“ zu brandmarken: „Es gibt viele Teufel in dieser Welt, und wir sind dazu da, sie auszutreiben.“

Die Wandlung ist überraschend. Vor kurzem noch galt das Frankreich de Gaulles als Achillesferse des Westens. Letzte Woche nun hat sich um denselben de Gaulle die Einheit des Westens wiederhergestellt. Der russische Druck allein hätte nicht genügt. Es bedurfte dazu wohl auch noch des starren Eigensinns dieses selbstbewußten Mannes, der als letzter von den großen Staatsmännern des Zweiten Weltkriegs als aktiv Handelnder übriggeblieben ist. Ein Beobachter hat am Ende dieser Konferenz mokant festgestellt: „Jetzt haben wir endlich das Rezept entdeckt, wie man de Gaulle von Extratouren abhalten kann – man muß ihm einfach die Führung überlassen...“

Nun galt de Gaulles eigentliches Interesse von jeher der Weltpolitik, weniger seiner Innen- und Algerienpolitik. In dem von Chruschtschow entfachten Wirbel hat er gezeigt, was er auf dem Felde der Außenpolitik allein mit seiner durch nichts zu erschütternde Sicherheit zu leisten imstande ist. Sozusagen mit nichts in den Händen hat er ein Stück der weltpolitischen Führungsrolle Frankreichs wiederhergestellt, um die es ihm ja einzig und allein geht.

Wird de Gaulle nun diesen Prestigegewinn nutzen, um mit der gleichen Bestimmtheit endlich auch an die Lösung der innerfranzösischen und der algerischen Probleme zu gehen? Nur wenn ihm das gelingt, wird die Rolle, die Frankreich letzte Woche gespielt hat, mehr als eine Eintagsrolle sein.