Kongo – Wirtschaftskonferenz am Vorabend der Unabhängigkeit

Von Joachim Joesten\

Als dieser Tage Monsieur Senoga, einer der eingeborenen Delegierten zur Wirtschaftskonferenz über den bald unabhängigen Kongo, bei einer Brüsseler Bank seine Kongo-Francs gegen belgische eintauschen wollte, erlebte er eine böse Überraschung. Sein Anliegen wurde an der Kasse abgewiesen. Seit Anfang April kann man in Belgien Kongo-Banknoten nur noch mit Genehmigung einer ad hoc geschaffenen Kontrollbehörde, des „Institut Belgo-Luxembourgeois du Change“ eintauschen.

Das ist eine direkte und unvermeidliche Folge jener überstürzten Entwicklung zur Unabhängigkeit, die der widerstrebenden belgischen Regierung Anfang des Jahres von den ungeduldigen Landsleuten Senogas aufgezwungen wurde. Noch vor einem Jahr sprach man in Brüssel davon, den Kongo stufenweise im Laufe von drei bis fünf Jahren der Selbstverwaltung zuzuführen. Aber bald zeigte es sich, daß das vorsichtige Tempo der Emanzipierung nicht durchzuführen war. Die Unruhen im Lande wurden häufiger; die – meist selbstbestallten – Eingeborenenführer begehrten immer heftiger auf.

Schon vor der ersten (politischen) Kongo-Konferenz am runden Tisch, die vom 19. Januar bis 21. Februar 1960 in Brüssel tagte, hatte die belgische Regierung das Spiel aufgegeben: der Kongo war als Kolonie nicht mehr zu halten. Dennoch hatte man nicht erwartet, daß die belgischen Vertreter auf dieser Konferenz dem Druck ihrer schwarzen Verhandlungspartner so weit nachgeben würden, wie es tatsächlich geschah: sie stimmten dem außerordentlich kurzfristig angesetzten Termin vom 30. Juni 1960 für die Unabhängigkeitserklärung zu und verzichteten sogar darauf, sich während einer Übergangsperiode noch gewisse Rechte zu reservieren.

Die belgischen Siedler im Kongo und die dort tätigen Industrieunternehmungen (an denen zum Teil neben belgischem auch französisches, deutsches und amerikanisches Kapital beteiligt ist) reagierten sauer auf die Aussicht, in Kürze von einer zu 100 Prozent eingeborenen Regierung betreut zu werden. Sie zogen in Eile ihre Gelder aus dem Kongo zurück, legten ihre hochfliegenden Pläne zu den Akten und bereiteten sich selbst darauf vor, das Land so schnell wie möglich zu verlassen.

Die Kapitalflucht