Rom‚ im Mai

Vittorio Valletta ist in Turin unter dem Namen „der Professor“ bekannt. Er hat soeben angekündigt, daß die Fiat-Werke ihre Kapazität in den nächsten zwei bis drei Jahren in einem Ausmaß erweitern werden, das ihnen eine Verdoppelung der Produktion erlauben soll. Valletta ist 77 Jahre alt und als Präsident der Fiat-Werke ungefähr ebenso lebhaft wie der Motor des kleinen „Fiat 500“. Zweifelsohne ist er einer der fortschrittlichsten italienischen Industriellen.

Die Firma Fiat gehört zur Hauptsache der Familie Agnelli; Valletta ist nur ein Angestellter. Unter seiner Herrschaft wuchs das Unternehmen zum größten Industriekonzern Italiens heran, das über 85 000 Leute beschäftigt und täglich 2000 Wagen produziert. Die Exporte bezifferten sich 1959 auf eine Milliarde DM (195 550 Automobile). Fiat produziert seinen Stahl selber; im letzten Jahr war es eine Million Tonnen. Abgesehen von Pkw produziert das Unternehmen auch Lastwagen, Traktoren, Schiffs- und Flugzeugmotoren.

Nach dem Krieg war Valletta einer der ersten italienischen Manager, die sich um Zusammenarbeit mit amerikanischen Gesellschaften bemühten. Schon bevor der Vertrag über den Gemeinsamen Markt unterzeichnet war, hatte er die Absicht, die Produktion auf die Erfordernisse eines europäischen Marktes umzustellen. Der „Fiat 500“ war in Deutschland bereits ein Erfolg, als ihn die italienischen Kunden erst entdeckten. Heute liebäugelt Valletta mit dem sowjetischen-Markt.

Dennoch glaubt der Fiat-Chef, daß man nicht zuviel Vertrauen in Exportmärkte investieren dürfe. Und obwohl die Firma 1959 mehr als 43 000 Wagen nach den USA exportierte, sieht es Valletta als die wichtigste Funktion der Exporte an, die Dollars für die Einfuhr aus den Vereinigten Staaten zu beschaffen. Wirklich wichtig sei dagegen, 20 Millionen arme Italiener in Autokäufer zu verwandeln. Das könne nur durch eine Produktionssteigerung und damit eine Kosten- und Preissenkung erreicht werden. Das ist der Grund, weshalb Valletta Investitionen in Höhe von einer halben Milliarde Mark angekündigt hat. Neben den Modellen „500“ und „600“ sollen vermehrt auch die Mittelklassewagen „1800“ und „2100“ gebaut werden.

Valletta gibt offen zu, daß sein Lebenswerk an das seines Idols Henry Ford erinnert. Er betont, daß es nötig sei, daß Fiat einen Beitrag zur Industrialisierung des unterentwickelten Südens leiste. Aber man kann einen komplex organisierten Konzern nicht einfach von Turin nach Süditalien verschieben. Was also Fiat praktisch tun kann, besteht darin, in den zurückgebliebenen Regionen Montagewerke aufzubauen. Werkstätten sind in Palermo und Catania schon eröffnet worden; gegenwärtig wird in Neapel ein Werk gebaut.

In Neapel hat Fiat auch eine Mustersiedlung errichtet. Die ehemaligen Bauern, die in dem neuen Werk arbeiten sollen, werden hier mit ihren Familien wohnen. Sie sind in Turin ausgebildet worden. Die meisten von ihnen haben sich übrigens als überraschend begabt erwiesen.