Von Albert Schiefer

Angefangen hat es mit dem Illustrierten-Slogan: „Weil du arm bist, mußt du früher sterben!“ Weiter ging es mit den Klagen der Ärzte über die teilweise mehr als schlechte Honorierung durch die Ortskrankenkassen (speziell im Grippewinter 1957/58) und die während der hitzigen Auseinandersetzungen um die Krankenkassenreform in die öffentliche Diskussion hineingezogenen Finanzprobleme der Kassen, nicht zuletzt auch mit den lauten Klagen der Ersatzkassen, man wolle sie den Ortskrankenkassen „gleichschalten“ und gegebene Unterschiede zwischen Arbeitern und Angestellten verwischen. Zu Ende ging es jetzt vorerst in Berlin, auf dem Deutschen Krankenkassentag“ der Ortskrankenkassen. Mit der Verbitterung eines während Jahren Deklassierten forderte der Bundesverband der Ortskrankenkassen, Fürsorger für 28 Millionen Einwohner, die Einebnung der Ersatz-Krankenkassen, hinter denen immerhin auch über 7 Millionen Menschen stehen.

Denn nichts anderes als Einebnung bedeutet es, wenn

1. die Ortskrankenkassen hinsichtlich der Krankengeldzahlung (1958 = 1,2 Mrd. DM von 4,1 Mrd. Bilanzsumme) den Ersatzkassen (Angestellten-Ersatzkassen 1958 = 85 Mill. DM von 1,2 Mrd. Bilanzsumme) gleichgestellt werden, was durch die angestrebte volle Lohnfortzahlung auch für Arbeiter im Krankheitsfall möglich ist, und

2. alle gesetzlichen Krankenkassen die Ärzte künftig nur nach einer einheitlichen Gebührenordnung honorieren dürfen.

In diesen beiden Forderungen gipfeln die Wünsche der Ortskrankenkassen an Bundestag und Regierung.

Wie groß der Mißmut sein muß, der sich angestaut hat und nun ausgebrochen ist, wurde in Berlin bereits in einer einleitenden Pressekonferenz offenkundig, die dem Thema „Ersatzkassen“ galt. Der Argwohn, als Mitglied einer Ortskrankenkasse werde man heute bald wieder als Mitglied der „Arme-Leute-Krankenkasse“ angesehen, kommt nicht von ungefähr: Da lediglich die Angestellten im Krankheitsfall fürs erste ihr Einkommen weiter beziehen, die als Arbeiterkassen geltenden Ortskrankenkassen aber zumeist sofort Krankengeld zahlen müssen, können die Angestellten-Krankenkassen einen um 20 bis 25 v. H. niedrigeren Durchschnittsbeitrag erheben als die Ortskrankenkassen und dennoch den Ärzten höhere Honorare zahlen.