Von Johannes Jacobi

Es begann mit einem Gelübde. Das war im Jahre 1634. Im Sommer zuvor hatte die Pest in Oberammergau plötzlich zu wüten aufgehört, so wird berichtet, als die Ältesten des Dorfes für alle Zeiten gelobten, von zehn zu zehn Jahren ein Passionsspiel aufzuführen. Heute ist, was damals Opfer war, ein Schaugepränge, und alle Welt strömt nach Oberammergau.

Viele nehmen Anstoß an manchem: am Geschäftsgeist, der vom „Weltfestspiel Nr. 1“. untrennbar geworden ist, an der Laienhaftigkeit der Darbietung, neuerdings sogar an antisemitischen Tendenzen“, die man in Text und Darstellungsweise entdeckt haben will. Doch alle kritischen Angriffe auf Oberammergau erweisen sich als wirkungslos gegenüber einem Zulauf (auch aus dem Auslande), der die Aufnahmemöglichkeiten des Passionstheaters um das Fünffache übersteigt. 500 000 Menschen werden in diesem Sommer das Große Spiel vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu Christi sehen. Zweieinhalb Millionen wollten kommen.

Der für die Veranstaltung des Passionsspiels souveräne Gemeinderat hält fest an der religiösen Grundlage des Unternehmens. Nach der katholischen Theologie könnte es mindestens zweifelhaft erscheinen, ob ein Gelübde, wie das Oberammergauer, nach mehr als 300 Jahren die Nachfahren noch bindet. Gleichwohl erstrebte und erhielt die Gemeinde auch für das Spieljahr 1960 wieder die missio canonica, den kirchlichen Auftrag zur darstellenden Verbreitung katholischen Glaubensgutes. Die Mitwirkung am Spiel gehört also zu den frommen Werken. Substantiell steht das OberammergauerGelübdespiel außerhalb ästhetischer Wertung.

Rund zweihundert Jahre blieben die Aufführungen eine örtliche und regionale, vor allem aber eine religiöse Veranstaltung. Der Ruhm des oberbayerischen Dorfes wurde von Außenstehenden bestimmt. Damit wurden auch Maßstäbe und Erwartungen herangetragen, die im Laufe des letzten Jahrhunderts nicht ohne Einfluß auf das Spiel selbst und seinen Ort geblieben sind. Das begann eigentlich schon, als Sulpiz Boisserée, der Schwärmer für das damalige Fragment des Kölner Doms, 1820 Goethe auf die vermeintlich altgriechischen Chorelemente dieses Passionsspiels aufmerksam machte. Bei den Gebildeten populär gemacht wurde Oberammergau dann durch Eduard Devrients begeisterte Berichte und feuilletonistische Analysen: Der ehemalige Berliner Sänger und Dresdener Oberspielleiter hatte 1850 das Passionsspiel gesehen.

Devrient war an der Wiederentdeckung der Badischen Matthäuspassion in der epochalen Berliner Aufführung 1829 durch Mendelssohn als „Christus“ beteiligt gewesen. Er mochte die Querverbindungen zwischen diesem barocken dramma per musica und jenem Volksschauspiel spüren, das er zwar irrtümlich als einen unmittelbaren Abkommen der mittelalterlichen Mysterienspiele ansah. Aber als Zeugnis des „altdeutschen Volksgeistes“ rückte Oberammergau dank Devrients gebildeter Propaganda in die Verehrungszone der Romantiker ein. Norddeutschland und die Protestanten begannen sich zu interessieren. Die gute Gesellschaft bis hinauf zu gekrönten Häuptern stellte sich ein, und 1880 eröffnete Thomas Cook eine Filiale seines internationalen Reisebüros in Oberammergau.

Aus jenen Tagen stammt der Spieltext, der heute noch in Oberammergau verwendet wird. In diesem Jahr ist die Werkfassung des Ortspfarrers Daisenberger genau ein Jahrhundert alt. Die Musik von Rochus Dedler, einem klassizistischen Epigonen im Oberammergauer Kantorenämt, ist 1815 komponiert worden.