Von Georg Gnieser

Die knapp 7000 ortsfesten Filmtheater im Bundesgebiet einschließlich West-Berlins hatten 1956 mit rund 817 Millionen Besuchern ihren höchsten Entwicklungsstand in der Nachkriegszeit erreicht. 1957 zählten sie noch etwa 811 Millionen Besucher, 1958 nur 753 Millionen und 1959 etwa 650 Millionen bei weiterhin sinkender Tendenz. Schon diese Zahlen lassen erkennen, daß sich in der Filmwirtschaft eine Wandlung vollzieht, die den Gedanken an eine „Krise“ nahelegt.

Zur gleichen Zeit, da dieser auf das breiteste Publikum angewiesene Wirtschaftszweig die Gunst seiner „Verbraucher“ schwinden sieht und trotz aller Bemühungen allein im letzten Jahr einen bisher nicht genau ermittelten, aber auf mindestens 100 Mill. DM geschätzten Umsatzrückgang hinnehmen mußte, erfreut sich ein anderer Wirtschaftszweig noch immer wachsender Publikumsgunst. Die Fernsehindustrie produzierte im letzten Jahr fast 1,9 Millionen (i. V. über 1,56 Mill.) Empfänger und erreichte damit einen Zuwachs von 21,5 v. H.; im Jahr 1958 waren es sogar mehr als 93 v. H. Während der Wert dieser Produktion mit 1,073 Mrd. DM zum ersten Male die Milliardengrenze überschritt, sind die Filmtheater, die ihre Einnahmen in den letzten Jahren trotz des Besucherrückganges durch verschiedene Preiskorrekturen in Höhe von etwa einer Milliarde DM gehalten hatten, 1959 unter diese Grenze abgesunken.

Der Zusammenhang zwischen diesen beiden Wirtschaftsgruppen wird noch deutlicher, wenn man statt der Produktionszahlen, auf die ein beträchtlicher Exportanteil entfällt, die bei der Bundespost angemeldeten und von ihr genehmigten Fernsehanlagen in ihrer Entwicklung betrachtet: sie beliefen sich an der Jahreswende 1957/58 auf 1,2 Millionen, ein Jahr später auf fast 2,1 Millionen, erreichten an der letzten Jahreswende fast 3,4 Millionen und nähern sich inzwischen der vollen vierten Million.

Die „Mattscheibe“, wie Verehrer und Verächter zuweilen gleichermaßen den Fernsehbildschirm nennen, hat also dem Film Abbruch getan. Das bedeutet eine Gefahr für die Lichtspieltheater, in die nach dem Kriege etwa 1,5 Mrd. DM investiert worden sind. Kann diese Gefahr für die gesamte Filmwirtschaft lebensbedrohend werden? Diese Frage brennt den Finanzexperten der Filmbranche auf den Nägeln; nach übereinstimmender Ansicht ist sie mit der Einführung eines zweiten Fernsehprogramms, das 1961 akut werden dürfte, nur noch dringender geworden.

Für die nachlassende Anziehungskraft der Leinwand kann nicht allein die Konkurrenz des Fernsehens verantwortlich gemacht werden. Auch eine Reihe anderer, im einzelnen zwar weniger gewichtiger, im Zusammenwirken mit anderen aber kumulativer Faktoren spielt dabei eine Rolle: die zunehmende Motorisierung, die „Verödung“ der Innenstädte, die Fünf-Tage-Woche, die damit zusammenhängende Möglichkeit, während des verlängerten Wochenendes außerhalb der Städte „Vergnügenssurrogate“ zu finden, die wachsende Camping- und Reiselust, Witterungsverhältnisse, die Banalität der Filme, ein Geschmacks- und Konsumwandel („Filmbesuch nicht mehr zum Zeitvertreib“), Bequemlichkeit und Trägheit des Publikums – und die Vergnügungssteuer.

Die „Spio“ (Spitzenorganisation der Filmwirtschaft), die im vergangenen Jahr über einen längeren Zeitraum mit allen Mitteln wissenschaftlicher Marktanalysen die Wechselwirkung zwischen Filmbesuch und Fernsehen eingehend untersuchte, hat z. B. folgendes festgestellt: an Tagen mit vorherrschender Bewölkung und nur gelegentlichen Regenfällen waren die in die Erhebung einbezogenen Filmtheater im allgemeinen überdurchschnittlich gut besucht, an Tagen mit anhaltenden Regenfällen oder sonstigem „umgemütlichen“ Wetter blieben die Besitzer von Fernsehgeräten lieber daheim vor dem Bildschirm. Dieses labile Verhalten der noch „treuen“ Filmliebhaber, die einem kräftigen Landregen aus dem Wege gehen, aber bei nur geringen oder seltenen Niederschlägen den Weg zum Kino nicht scheuen, schlägt bei dem gleichen noch „erträglichen“ Wetter in das Gegenteil um, wenn an diesem Tage ein nach ihren Vorstellungen „attraktives“ Fernsehprogramm läuft.