Der Engel von Friesland wird auf seinen Geisteszustand untersucht – Heilung durch das Telephon

H. W., Flensburg

Ihre Anhänger nannten sie den „Engel von Nordfriesland“. Sie selber hütete sich, diesen Ausdruck zu gebrauchen; aber sie hörte ihn gern. Sie sprach nur bescheiden davon, daß ihr die Kraft zum Heilen gegeben sei. Daß die Heilpraktikerin Helma Friis-Tausendfreund aus Sande (Südtondern) diese Kraft zum Heilen besaß – davon waren ihre Anhänger fest überzeugt. Und die Kranken kamen von überallher, ja sogar über die Grenze aus Dänemark. Sie kamen zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Personenwagen und manchmal sogar mit dem Omnibus. Die Heilkraft von Frau Friis-Tausendfreund schlug sich auch in ihren Einkommensverhältnissen nieder. Beim Finanzamt hatte sie ihr Jahreseinkommen mit 110 000 DM angegeben. Die Zahl der von ihr Behandelten belief sich auf jährlich 5000 bis 6000. Mehr könne sie nicht verantworten, erklärte Frau Friis-Tausendfreund.

Um diese 43jährige Frau hat es seit Jahren schon Aufregung gegeben. Kaum jemand bestritt, daß sie Fähigkeiten besitze, Menschen zu heilen, und auch Ärzte meinten dazu, daß es gewisse seelisch bedingte Krankheiten gebe, die durch ihre Behandlungsmethoden geheilt werden könnten. Sie freilich war davon überzeugt, daß sie in allen Fällen helfen könne. Vielleicht auch hatten ihre Erfolge sie mutig gemacht. Auf jeden Fall wagte sie sich an schwere Krankheiten heran, die mit ihren Mitteln – so stellte das Gericht später fest – überhaupt nicht zu heilen waren: Tuberkulose und Zuckerkrankheit.

Die Behandlung eines neunjährigen zuckerkranken Jungen brachte sie im Januar dieses Jahres vor Gericht. Das Niebüller Schöffengericht verurteilte Frau Friis-Tausendfreund nach eingehender Verhandlung, an der mehr als 200 ihrer Anhänger im überfüllten Dorfgasthaussaal teilnahmen, wegen fahrlässiger Körperverletzung zu 1500 DM Geldstrafe. Gegen dieses Urteil legte sie Berufung ein.

Vor der II. Großen Strafkammer des Flensburger Landgerichts wurde jetzt darüber verhandelt. Frau Friis-Tausendfreund saß im hochgeschlossenen Mantel, mit langem, bis auf die Schultern fallendem blondem Haar auf der Anklagebank. Gleich zu Beginn des Prozesses erklärte sie, sie werde sich selbst verteidigen. Ihr Verteidiger – übrigens ein bekannter Kieler Anwalt – hatte sein Mandat niedergelegt. Über die Gründe dafür wußte sie nichts zu sagen. Am Rande erfuhr man, daß es um die „Argumentation“ ging.

Als die Eltern des zuckerkranken Jungen zu ihr in die Praxis gekommen waren, hatte die Heilpraktikerin Hirnhautentzündung festgestellt. Die Zuckerkrankheit, diagnostizierte sie, habe sich erst aus der Hirnhautentzündung entwickelt, sie sei also sekundär zu behandeln. Und sie riet den Eltern, dem Kind keine Insulinspritzen mehr zu geben. Der Neunjährige aber wurde immer, schwächer. In letzter Minute erst wurde er durch das Eingreifen eines Arztes mit Insulinspritzen und Kreislaufmitteln gerettet.