Seit der Begriff des „Fortschritts“, der in der technisch-wissenschaftlichen Welt durchaus legitim ist, auch in die Terminologie des Musikdenkens eingedrungen ist, gibt es eine große Gruppe von Musikern, die das Heil der Zukunft in der Entdeckung und Erschließung immer neuer klangmaterieller Möglichkeiten erblicken. Sie gehen mit aller Absicht nicht den Weg des „Schaffens“, wie es jahrtausendelang verstanden wurde, sondern den des Forschens. Folgerichtig hat sich dabei eine Annäherung zwischen Musik und Naturwissenschaft vollzogen. Und ebenso folgerichtig ergab sich eine Verdrängung des „Werkes“ durch das Experiment. Dennoch kollidiert ganz offensichtlich der wissenschaftliche Charakter ihrer Arbeit mit einem künstlerischen Anspruch. Wer die hier gegebene Situation begreifen will, findet ein vorzügliches Orientierungsmittel an dem soeben erschienenen Buch

Fred K. Prieberg: „Musica ex machina“ – Über das Verhältnis von Musik und Technik; Verlag Ullstein, Berlin-Frankfurt; 300 S., 16 Tafeln, 53 Abb., 18,50 DM

Vorweg gesagt: Der Wert des Buches liegt in seinem reichen Informationsmaterial. Da ist eine einleitende historische Betrachtung „Mensch und Maschine“. Da ist eine Rückschau auf „die futuristische Bewegung“ und ein unterhaltliches Kapitel „Musik über die Maschine“ (betrifft musikalische Schilderungen maschineller Vorgänge wie beispielsweise Honeggers „Pacific 231“ und ähnliche ernstgemeinte Scherze). Und danach wird der Leser mitten in die Welt der „konkreten“ Musik, in das skurrile Daimonion der „singenden Roboter“ und schließlich in die verschiedenen Forschungszentren der Elektronik geführt, bis unmittelbar an die Pforte des Allerheiligsten, in welchem der Götze des „musikalischen“, musikproduzierenden Elektronengehirns thront.

Der Autor bietet eine ungemein fleißige Darstellung dessen, was er „geistige Bewältigung der technischen Entwicklung“ nennt. Der skeptische Beobachter freilich hat oft genug den Eindruck, als handele es sich hier eher um die Überwältigung des Geistes durch das technisch-mechanistische Denken.

Noch immer sind die Möglichkeiten neuer Klangerzeugung unbegrenzt. (Klang ist nicht Musik, sondern nur Material der Musik!) Wer sich von diesen Möglichkeiten faszinieren läßt, dem kann es allerdings passieren, daß eine merkliche geistige Vernebelung eintritt. Das belegen in aufschlußreicher Weise die vielen (sehr dankenswerten!) wörtlichen Zitate führender Köpfe dieser „Unruhe eines neuen Aufbruchs“.

Was da – ergötzlich oder auch beängstigend nachzulesen – an Ideologismen aus den Proklamationen von Jahrzehnten ausgebreitet wird, ist beträchtlich. Dabei ist Prieberg durchaus ein (sogar sehr) gescheiter Mann. Allein, er ist von jener Art Gescheitheit, die bereits durch das technischmechanistische Denken entscheidend geformt ist. Und er scheint im Ernst nicht mehr damit zu rechnen, daß es möglich sein könnte, den „Fortschritt“ überhaupt – nicht nur in Sachen der Kunst – in Zweifel zu ziehen.

So geht durch das Buch als roter Faden das stillschweigende Anerkenntnis, daß die Musica ex machina wohl nicht nur eine Eventualität, sondern schlechthin die künftige Erscheinungsform der Tonkunst sein werde. Darf damit aber als erwiesen gelten, daß künftig die musikschöpferische Begabung notwendigerweise mit maschinentechnischem Ingenium identisch oder mindestens gepaart sein werde? Sollte es ausgeschlossen sein, daß auch in Zukunft geistig und künstlerisch hochbefähigte Menschen für maschinelle Dinge – also für das, was wir pauschal heute „Technik“ nennen – weder Sinn noch Neigung haben könnten?