London, Ende Mai

Um wieviel näher würden die Engländer doch dem Kontinent rücken (und sich das Leben auch auf andere Weise erleichtern), wenn sie sich endlich dazu entschließen wollten, das antiquierte System ihrer Maße und Gewichte insbesondere natürlich ihrer Währung zu reformieren.

Es ist zwar beileibe nicht so, daß das kommerzielle Rechnen in inches und feet, ounces und stones, pints und gallons dem britischen Export oder der britischen Fremdenverkehrswirtschaft ernsthaft hinderlich wäre. Rund die Hälfte aller Ausfuhren geht nach Ländern, die sich der gleichen Quantensprache bedienen – darunter die USA –, wie überhaupt ja noch immer mehr als 50 v. H. des Welthandels sich am „imperialen“ Mengensystem orientiert. Gleichzeitig verlegt sich die britische Touristenwerbung mehr und mehr auf den Slogan „Ye olde England“ – „England ist ganz anders“.

Was zu Zeiten Karls des Großen als letzter Schrei galt, ist es heute aber meist nicht mehr. In der Tat haben sich über die letzten 125 Jahre hinweg nicht weniger als fünf Königliche Rommissionen bereits eingehend mit der Abklärung des Für und Wider einer Reform befaßt. Wenn von ihnen nur die ersten beiden (von 1838 und 1843) zu einer „Dezimalisierungs-Empfehlung“ kamen und die späteren (von 1856, 1868 und 1918) eher der Meinung zuneigten, daß es kaum angeraten sein könne, alte Gewohnheiten zu stören, so gehen viele der modernen wissenschaftlichbasierten Industriezweige, wie Atomkraft, Electronics, Pharmazeutik, Instrumentenbau und Optik, Labor-Glas, Dieselmotoren usw. nun doch mehr und mehr zum „napoleonischen“ System über, vom Zoll zum Zentimeter und von der Unze zum Gramm.

Befürwortet wird ein solcher Übergang zu metrischen Maßen und Gewichten, wie vor allem eine entsprechende Reformierung des Währungssystems, jetzt auch von einem Bericht, der die Ergebnisse einer vom Verband der britischen Handelskammern und von der Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften gemeinsam durchgeführten Umfrage bei 2000 Firmen und Wirtschaftsorganisationen zusammenfaßt. So mag der Tag, an dem man an der Tankstelle nicht mehr 4 Shillings 11 pence für die gallon, sondern 5,5 cents für den Liter zu zahlen haben wird, tatsächlich um einiges näher gerückt sein. Je länger die Regierung den Entschluß scheut, das Pfund auf eine Dezimalbasis umzustellen, desto kostspieliger wird später eine solche Umstellung sein.

Es sind nicht zuletzt wohl diese Kosten‚ die den amtlichen Entscheid noch erschweren. Der Bericht schätzt sie auf mehr als 100 Mill. Pfund (1,2 Mrd. DM). Natürlich sind die Vorteile, die man sich damit erkauft, weitaus weniger greifbar. Sie bestehen im wesentlichen in einer Vereinfachung aller Geldrechnungen und damit in Einsparungen an Büroarbeit und -personal. In den Schulen könnte der Rechenunterricht zugunsten anderer Fächer verkürzt werden.

Kosten wiederum entstünden insbesondere aus dem Umbau von (und aus der Ersatzbeschaffung für) 390 000 Registrierkassen, 225 000 Addiermaschinen, 65 000 Rechenmaschinen, 85 000 Buchungsmaschinen, 40 000 Frankiermaschinen, 800 000 Waagen mit Preisanzeige, 25 000 Benzinzapfsäulen mit Preisanzeige, 150 000 Verkaufs-, Musik- und Spielautomaten, 150 000 öffentlichen Fernsprechstellen, 22 000 Briefmarkenautomaten und 13 500 Taxiuhren. Diese Kosten summieren sich auf ungefähr 130 Mill. Pfund, und selbst wenn man berücksichtigt, daß sie sich zum Teil ja auf die Neuausrüstung mit leistungsfähigeren Maschinen beziehen, so würden doch noch immer mehr als 100 Mill. Pfund verbleiben, denen jene anderen Kosten hinzuzuzählen wären, die sich beispielsweise aus der Umstellung aller Geschäftsakten auf das dezimalisierte Pfund ergäben.

Während 64 der von obiger Umfrage angesprochenen Unternehmen mit einer jährlichen Ersparnis von zusammen 700 000 Pfund rechneten und weitere 61 den erwarteten finanziellen Nutzen als sehr gering bezeichneten, nannten 165 die Übergangskosten mit schätzungsweise 7,5 Mill. Pfund. Im Gegensatz zum Nutzen sind diese Auslagen aber einmalig. Robert Niehaus