Von Thilo Koch

Berlin, Ende Mai

Ganz Westberlin sei eine einzige „U 2“ – dieser Vergleich war am Tage der Ostberliner Chruschtschow-Rede bei den SED-Funktionären im Schwange. Und er enthielt natürlich die Drohung: „Wir werden auch diese Spionagebasis abschießen.“

Der sowjetische Partei- und Regierungschef begann seine Rede um fünf Uhr nachmittags in der „Seelenbinderhalle“ (nomen est omen, aber Herr Seelenbinder war in Wirklichkeit nur ein Rennradfahrer, und ihm verdankt der große Versammlungsraum seinen Namen). Anderthalb Stunden später lauschten die 8000 Ostberliner Funktionäre ausgesprochen bedeppert ihrem Chef Ulbricht der mit seinem sächsisch-kommunistischen Rennrad wieder einmal ohne Mühe „die Kurve kriegte“ ...

Hatten wir in Paris am Mittwoch der vergangenen Woche Nikita den Schrecklichen gesehen, so stand am Freitag in Berlin Nikita der Begütigende, der geduldige Staatsmann, auf der Tribüne: Nichts von dem sofortigen Abschluß eines. Friedensvertrages mit Ulbricht, also auch nichts mit einem schnellen „Abschießen der U 2 Westberlin“.

Mit den tausend bis zweitausend Vertretern der internationalen Presse am Fuße des Eiffelturms hatte Chruschtschow es so gründlich verdorben, wie in den letzten zehn Jahren wohl überhaupt kein führender Politiker. Aber mit seinen mitteldeutschen Seelenbinder-Funktionären hatte er keinerlei Schwierigkeiten. Die Ostberliner Friedensrede Chruschtschows begann mit wenigen russischen Worten von ihm selbst; dann stand er nur schweigend und blinzelnd neben dem Dometscher, der seine Rede verlas.

Chruschtschow spricht und versteht kein Deutsch; aber als der Dolmetscher gesagt hatte, der Abschluß des separaten Friedensvertrages solle nicht überstürzt werden, war der bis dahin ungemein beflissene Beifall der 8000 Nutznießer des Ulbricht-Regimes plötzlich relativ dünn und irritiert. Chruschtschow improvisierte sofort einen russischen Satz, den der Dolmetscher wiedergab. Der Satz lautete sinngemäß: „Wir behalten die Sache im Auge, Genossen, aber alles muß heranreifen“ Eine väterlich begütigende Geste unterstrich diese wichtigste Bemerkung der Veranstaltung.