Ich habe Portugal vor der Zeit Salazars, der das Land seit 30 Jahren regiert, nicht gekannt. Daher ist es für mich schwer feststellbar, ob Salazar die Ursache oder das Produkt der außergewöhnlichen Treue dieses Landes zu seinem urprünglichen Charakter ist. Ich weiß nicht, ob Salazar dafür verantwortlich ist, daß Portugal sich von der modernen Welt, ihrer Unordnung, ihrer Unruhe, ihrem sozialen Aufruhr und gefährlichen ideologischen Mythen, ihrem Fortschritt, trügerischen Versprechungen und zerstörenden Kräften ferngehalten hat. Ich weiß nur, daß Portugal und Salazar sich wie ein Tropfen Wasser dem andern ähneln und daß beide uns vor das Dilemma stellen, ob sie recht haben oder wir. Dieser Zweifel, der schon vielen Gästen in Portugal gekommen ist, war der Zweck meiner Reise. Ich wollte versuchen, dieses Problem näher zu untersuchen. Und dieser mein Bericht ist das Resultat mehrerer Gespräche mit Salazar, der im allgemeinen Journalisten gegenüber ziemlich zurückhaltend ist, diesmal aber eine Ausnahme gemacht hat. Ich werde diese Gespräche nicht wörtlich wiedergeben, weil sie keinem festgelegten Fragebogen folgten und ohne Beisein von Stenographen geführt wurden. Es schien mir besser, es Salazar zu überlassen, über – welche Themen er sprechen wollte, ich habe die Extrakte dieser Gespräche dann zuammengestellt und sein Gutachten darüber eineholt. Schließlich aber habe ich mir vorbehalten, meine eigene Meinung dazu zu sagen.

Ein kleines Detail möge dem Leser die Vorsicht veranschaulichen, die Salazar und der enge Kreis um ihn walten lassen: Meine Begegnung mit ihm war noch vor meiner Reise verabredet worden und hatte einige diplomatische Schritte des italienischen Botschafters nötig gemacht. Endlich wurde zur großen Verwunderung aller die Vereinbarung getroffen, und ich fuhr nach Lissabon, überzeugt, den Präsidenten, wenn nicht vierundzwanzig, so doch achtundvierzig Stunden nach meiner Ankunft zu sehen. Hingegen reichte diese Zeit gerade aus, daß ich von dem Generalsekretär des Informationsministeriums, Moreira Batista, empfangen wurde, einem höflichen und lächelnden Beamten, der sich eine Stunde mit mir über alles mögliche unterhielt, jeder Frage nach einem Gespräch mit Salazar aber aus dem Wege ging und mir riet, vor allem Theotonio Pereira zu besuchen.

Theotonio Pereira ist ein enger Mitarbeiter Salazars und wird deswegen von allen als sein Nachfolger angesehen – wahrscheinlich zu Unrecht, denn es ist höchst zweifelhaft, daß der Präsident schon einen „Kronprinzen“ ausgesucht habe. Pereira ist ein noch junger, aber an politischen und diplomatischen Erfahrungen reicher Mann: er war portugiesischer Gesandter in London und Washington und beherrscht mehrere Sprachen vollkommen. Auch mit ihm hatte ich ein außerordentlich angenehmes Gespräch von mehr als einer Stunde, aber jede Anspielung auf eine eventuelle Begegnung mit dem Präsidenten wurde beharrlich überhört. Ich sagte mir, daß man mich wahrscheinlich näher in Augenschein nehmen wolle und wartete geduldig auf das Resultat ihrer Untersuchung. Doch es vergingen zwei, vier, acht, ja, vierzehn Tage, und ich mußte immer noch warten. Ich versuchte, mich krampfhaft zu erinnern, ob ich irgend etwas Unpassendes gesagt hätte, aber ich kam mir diesmal wirklich unschuldig vor.

Endlich erfuhr ich den Grund dieser langen Verzögerung: Salazar hatte sich meinen Brief geben lassen, in dem ich alle Gründe aufgeführt hatte, aus denen ich um eine Audienz gebeten und auch die Punkte genannt hatte, die ich zu klären hoffte. Daraufhin hatte der Präsident angefangen, sich Notizen zu machen, und schließlich hatte er diese Randbemerkungen auf acht engbeschriebene Seiten erweitert. Diese Blätter ließ er mir durch die italienische Botschaft zugehen, begleitet von einem handgeschriebenen Brief an den Gesandten, in dem er sein Bedauern aussprach, mir nicht direkt schreiben zu können, da er noch nicht das Vergnügen gehabt hätte, mich persönlich zu kennen.

Diese Geste von außerordentlicher Höflichkeit und vorsichtiger Reserve dem Estrangeiro gegenüber ist wohl bezeichnend für Salazars Gewissenhaftigkeit, für seine Korrektheit, aber auch für seine Unfähigkeit, etwas ohne sorgfältige Vorbereitung zu unternehmen.

Die skizzierten Ausführungen – so fuhr er in seinem Brief fort – sollten nur dazu dienen, die Fragen, über die wir diskutieren würden, besser auszurichten. Sie seien deshalb nicht zur Veröffentlichung bestimmt, denn „Herr Montanelli wird diese Dinge sehr viel besser sagen können, als ich es vermag“. Daß ich diese Seiten nicht veröffentlichen darf, bedauere ich aufrichtig, denn sie waren eines Konfuzius würdig, und ich hebe sie auf, als seien sie ein Bild mit Widmung.

Er sollte Priester werden