Von Indro Montanelli

Jedesmal, wenn ich nach Portugal reise, wundert es mich, daß ich an der Grenze keine Fußmatte finde mit der Tafel: „Es wird gebeten, vor Betreten die Schuhe zu reinigen.“ Es ist übrigens möglich, daß der Sauberkeitsfanatismus der Portugiesen mehr von einem Instinkt der Selbsterhaltung diktiert wird, als von Ästhetik oder Hygiene.

Das Leben stagniert hier nicht wie in Spanien. Lissabon ist die einzige europäische Hauptstadt, in der trotz raschen Anwachsens der Bevölkerung das Angebot der Wohnungen die Nachfrage übersteigt. Überall sieht man Anstreicher damit beschäftigt, die Fassaden neuer Wohnblocks zu weißen oder die Farbe alter Gebäude aufzufrischen. Und diese fieberhafte Tätigkeit des Putzens, Säuberns, Auffrischens ist keineswegs auf die Hauptstadt beschränkt. Selbst an den verlorenen Hütten einsamer Dörfer wird man vergebens nach Spuren des Verfalls suchen.

Von den Bewohnern Portugals heißen, wie vor 50 oder 500 Jahren, die Männer Antonio und die Frauen Maria. Und kein Tony und keine Mary haben sich eingeschlichen. Wenn Juden konvertieren (und dies geschieht häufig in diesem Lande, wo sie nie verfolgt wurden), nehmen sie so. schöne Nachnamen wie Espirito Santo an. Die Cafés, die ich vor zwölf Jahren bei meinem letzten Hiersein besuchte, sind auch noch immer dieselben und nicht durch moderne „Bars“ ersetzt worden.

In manchen kleinen Hafenstädten an der Küste kann man die Fischer noch in ihren alten Kostümen sehen, mit der schwarzen sardischen Mütze, der grünen Weste, roten Schärpe und enganliegenden Beinkleidern, wie sie die Toreros tragen, und mit weißen Strümpfen. Und wenn man ihren Liedern lauscht, so wird die Melodie eines alten fado das Ohr erreichen.

Die portugiesische Gastfreundschaft ist spontan, aber auf die „gute Stube“ beschränkt. Denn in keiner Sprache läßt sich so sehr wie dem Portugiesischen allein schon der Klang des Wortes „estrangeiro“: Fremder, eine unsichtbare Barriere herstellen. Selbst die ausgesuchteste Höflichkeit, der man in allen Schichten begegnet, wirkt auf feine Weise isolierend. Man kann dem Ärmsten der Armen kein Bonbon schenken, ohne von ihm eine Schachtel als Gegengeschenk zu erhalten. Oft herrscht auch noch das förmliche „Sie“ zwischen Sohn und Vater. Ferner werden Visitenkarten, Bratenröcke, akademische Titel und Ehrenbezeigungen viel verwendet. Sogar ich bin dort „o senhor Doutor“ ...

Trauer- und Verlobungszeiten sind lang und streng. Die Regelung von Mitgift und von Testamenten ist kompliziert. Fernsehen gibt es zwar schon, aber es ist nicht der Eurovision angeschlossen und seine Verbreitung gering. Oft erscheint auf dem Bildschirm ein Priester, der eine ciarlas linguisticas hält, um zum Beispiel den gemeinsamen Ursprung eines Wortes zu erklären: seda auf Portugiesisch, Seta auf Italienisch, soie auf Französisch, Seide auf Deutsch. Das große gesellschaftliche Ereignis der Saison ist immer noch die Oper.