Von Thilo Koch

„Ein Ereignis, auf das die literarische Welt seit 140 Jahren wartet“ – mit diesem Trommelwirbel wird uns die erste authentische Ausgabe des gesamten Originaltextes von

Jacques Casanova de Seingalt: „Histoire de ma vie“; F. A. Brockhaus, Wiesbaden; 6 Doppelbände zu je ca. 600 S., jeder Doppelband Leinen 25,– DM, Leder 42,– DM

präsentiert. Soeben wurden die ersten beiden Doppelbände ausgeliefert; danach läßt sich sagen: Diese Edition wird zweifellos zu den schönsten Büchern des Jahres zählen. Sattrot sind sowohl Leinen- wie Lederband; der Rücken erhielt eine Goldprägung mit ganz wunderhübschen Rokoko-Ornamenten, die – weiß auf grau – auf dem Vorsatz wiederkehren. Das Dünndruckpapier ist champagnerfarben getönt; der Text aus einer klaren Antiqua großzügig gesetzt.

Selten bekommt der Rezensent heute eine so gediegene Maßarbeit in die Hand. Ein altes deutsches Verlagshaus zeigt hier, wie ein gutes Buch aussehen sollte. Allerdings haben sich die Brockhaus’ auch Zeit, etwas zu viel Zeit, dazu gelassen: 140 Jahre (siehe DIE ZEIT Nr. 10/60). Aber nicht immer wird, was so lange währt, dann immerhin so gut. Deshalb dürfen wir uns nun mit ungetrübter Freude der Lektüre der wahren Casanova-Memoiren hingeben; einer der amüsantesten und geistreichsten Autoren der Weltgeschichte wartet auf seine Neuentdeckung.

Allerdings vorerst nur im französischen Urtext (Brockhaus veröffentlicht die neue Ausgabe gemeinschaftlich mit der Librairie Plon in Paris). Wann wird sich ein deutscher Verleger finden, der nun die erste vollständige und reine deutsche Übersetzung in Auftrag gibt und druckt? Hans Brockhaus selbst, der derzeitige Verlagsinhaber, dem wir dieses „Ereignis“ danken, will es mit der jetzt erscheinenden Ausgabe gut sein lassen. Wie wäre es, wenn der Insel-Verlag den ersten authentischen deutschen Casanova in sein hervorragendes Klassiker-Programm aufnähme?