Das südafrikanische Parlament hat sich trotz erbitterter Proteste der Opposition bis zum 20. Januar 1961 vertagt. Die Regierungspartei Ministerpräsident Verwoerds erzwang die Vertagung, obwohl der vor zwei Monaten verhängte Notstand immer noch nicht aufgehoben ist. Verwoerd kündigte an, daß den Farbigen künftig größere Selbständigkeit in der Verwaltung eingeräumt werde. Der von den Negern bekämpfte Paßzwang soll aber bestehen bleiben.

Wer die Krise in Südafrika recht verstehen will, muß sich über folgendes klar sein: Drei Millionen Schwarze leben im Umkreis der Weißen, nämlich in den fünf großen Städten des Landes oder in ihrer Umgebung. Sie stellen zwar nur ein Drittel der schwarzen Bevölkerung dar – die Mehrheit lebt in den Stammesreservaten oder auf den Farmen –, aber sie sind die reichsten, die mächtigsten und die am besten organisierten Neger.

Seit der Gründung der Union im Jahre 1910 sind die Schwarzen in die Städte geströmt. Sie arbeiten heute in den Goldminen und in den Fabriken, auf denen sich der Reichtum des modernen Südafrika gründet. Immer schon waren diese Schwarzen den Regierungen ein Dorn im Auge. Die jetzige Regierung aber tut so, als existierten diese Schwarzen nicht. Sie gelten als nur „zeitweilig Ansässige“, die nach einer bestimmten Frist wieder in ihre Stammesreservate zurückkehren werden. Der Regierungsvertreter für Eingeborenenangelegenheiten, Dr. Eiselen, nannte sie kürzlich eine „bindungslose Masse von Bantu-lndividuen“.

Die Schwarzen freilich sehen ihren Aufenthalt in der Stadt keineswegs als nur „vorübergehend“ an; sie fühlen sich durchaus als Städter. Und in der Tat: Johannesburg ist die größte schwarze Stadt in Afrika. 700 000 Schwarze leben dort, mehr als Weiße. Von ganz Südafrika sind sie zu dieser schwarzen Metropole gepilgert. Und in ihren Wohnbezirken im Südwesten der Stadt führen sie ein Leben, das aufregender, abwechslungsreicher und raffinierter ist als irgendwo sonst auf dem Kontinent.

Ihre Hütten sehen zwar von außen trist genug aus. Ihre Siedlungen wirken wie riesige, auf öden Hügeln angelegte Hühnerfarmen. Aber innen herrscht ständig Aktivität. – Es wird getrunken, diskutiert, getanzt. Und immer herrscht dort Gefahr. Denn die Polizei ist ständig auf der Suche nach Schnaps, Verschwörern und Schwarzen ohne Paß. Die Neger in Johannesburg sind genau das Gegenteil dessen, was man sich allgemein unter einem afrikanischen Neger vorstellt. Sie tragen Anzüge und Hüte, sie fahren jeden Tag mit dem Bus oder der Bahn in die Stadt, sie lesen Zeitung, und sie gehen ins Kino. Es gibt unter ihnen Arbeiter, Ärzte, Anwälte, Lehrer und Journalisten, Gangster und Busfahrer. Ihr Ideal ist: zivilisiert, „amerikanisiert“ zu sein. Das alte Stammesleben, das die Europäer in Afrika so fasziniert, ödet sie an. In den Shebeens, den illegalen Bars, wo die Afrikaner abends unter Paraffinlampen sitzen und Brandy oder Bier trinken, dreht sich die Unterhaltung nicht um Häuptlinge, Stammessitten und überkommene Sagen, Fußball, Hollywood-Filme, Jazz und Mädchen sind die Gesprächsthemen.

Aber das ist das Tragische in der gegenwärtigen Situation in Südafrika: Je mehr die Schwarzen sich bemühten, Eingang in die Welt des weißen Mannes zu finden, um so entschlossener versucht die Regierung, sie davon auszuschließen. Es ist die Grundauffassung der Politik des Ministerpräsidenten Dr. Verwoerd, daß die Afrikaner am glücklichsten sind und auch am sichersten aufgehoben, wenn sie in den Stammesreservaten leben, in den Bantu-Distrikten, Bantustan genannt. Für die großstädtischen Afrikaner aber ist die Vorstellung, dorthin zurückkehren zu müssen, geradezu grauenhaft: sie haben sich in ihre Städte verliebt.

Allmählich – und fast widerstrebend – haben diese Afrikaner erkannt, daß sie für ihre Rechte und für ihren Platz in den Städten kämpfen müssen. Die schwarzen Städter, die es nach Auffassung der Regierung eigentlich gar nicht gibt, haben revoltiert. In dieser Situation verlor der maßvolle 60jährige Albert Luthuli, der Führer des Afrikanischen Nationalkongresses, an Einfluß. Dafür ging der Stern des 35jährigen Universitätsdozenten Mangaliso Sobukwe auf, des Führers des Panafrikanischen Kongresses. Sein Appell an den afrikanischen Nationalismus fand plötzlich Gehör. Wie stark seine Partei ist, zeigte sich bei den jüngsten Unruhen. Seinen Anhängern gelang es schließlich, die Industrie von Kapstadt eine Woche lang lahmzulegen.

Noch aber sind die meisten Neger weder für Luthuli noch für Sobukwe, sondern für ein geregeltes, ruhiges Leben mit Radio und Kühlschrank. Ob sie so geduldig bleiben werden? Dies ist im Augenblick die wichtigste Frage für Südafrika, denn die Zukunft des Landes liegt nicht allein in den Händen der burischen Minderheit – ausschlaggebend werden die elf Millionen Neger sein, und vor allem jene von ihnen, die in den Städten wohnen. Anthony Sampson