Wird Italien von Insekten aufgefressen? Wenn nichts geschieht, ist es morgen zu spät

Von Theo Löbsack

Einem Ruinenfeld gleicht seit einiger Zeit das kleine italienische Dorf Oriago bei Venedig. Eins nach dem anderen der hölzernen Häuser bricht zusammen, die Bewohner werden evakuiert. Was von den Gebäuden stehenbleibt, wird abgerissen: Der Ort ist von Termiten befallen, die ein Gebäude nach dem anderen auffressen. Alle Versuche, diesen unheimlichen Vorgang zu bekämpfen, aufzuhalten, sind gescheitert. Oriago ist damit der erste Fall, in dem Menschen eines Insektes wegen ihre Heimat verlassen müssen.

In Südafrika erzählt man sich eine grotesk anmutende, aber unheimliche Geschichte: Ein Viehzüchter kehrte nach längerer Abwesenheit auf seine Farm zurück, betrat das Wohnzimmer und ließ seinen breitkrempigen Hut auf einen massiven Holztisch segeln. Als der Hut das Holz berührte, brach der Tisch nahezu lautlos zusammen. Zentimeterlange weißliche Insekten hatten den Stolz seines Wohnzimmers bis auf eine dünne Außenhaut ausgehöhlt und sich dann davongemacht: Termiten.

Ähnliche Geschichten gibt es überall in tropischen Ländern. Sie alle aber sind ziemlich harmlos gegenüber dem, was heute von den Termiten in Italien, berichtet wird. Der Sachverhalt, schlicht gesagt: Tausende nach Italien eingewanderte Termitenkolonien sind mit erschreckendem Erfolg dabei, ungezählte Kunstdenkmäler, Bauwerke, Gemälde und Plastiken von unschätzbarem Wert zu vernichten. Es besteht wenig Aussicht, den gierigen Holzfressern das Handwerk zu legen. „Wir müssen die Hoffnung aufgeben, die Termiten jemals wieder aus unserem Lande zu vertreiben“, seufzen die italienischen Sachverständigen.

Nicht auszurotten?

Noch vor zwei Jahrzehnten gab es viele Italiener, die noch nie von Termiten in ihrer Heimat gehört hatten. Als sie dann lasen, „weiße Ameisen“ seien in die Vatikan-Bibliothek und eine Kunstgalerie eingedrungen und hätten dort Schaden angerichtet, nahmen sie es nicht sehr wichtig und tranken weiter ihren Chianti.