Von Marion Gräfin Dönhoff

Chruschtschow hat zwar nicht wie weiland Hermann Göring gesagt, er wolle Meier heißen, wenn es einem fremden Flugzeug gelingen sollte, die Landesgrenze zu überqueren, aber er hatte doch so oft die Verläßlichkeit des sowjetischen Radarsystems und der Luftabwehr gepriesen, daß die öffentliche Feststellung, solche Flüge fänden regelmäßig über sowjetischem Gebiet statt, ein schwerer Schlag für ihn sein mußte.

Zunächst hatte er noch versucht, Präsident Eisenhower, den Partner seiner Entspannungspolitik, persönlich reinzuwaschen. Aber der Präsident verstand die Situation nicht: In seiner Pressekonferenz am 11. Mai erläuterte er die Notwendigkeit solcher Flüge, ohne sich zu distanzieren. Und so kam denn die Chance für all die Sowjetmenschen, die schon während Chruschtschows Amerikareise peinlich davon berührt waren, daß der Vertreter des Proletariats mit dem Chef der kapitalistischen Welt fraternisierte.

Noch nie sind so viele Experten so vollkommen von einem Ereignis überrascht worden, wie alle in Paris versammelten Diplomaten, Sachbearbeiter und Journalisten von Chruschtschows dortigem Auftritt. Wenn man jetzt, eine Woche später, Inventur macht und sich fragt, was wir nun eigentlich durch diese Überraschung erfahren haben und was noch im Dunkel geblieben ist – also: was wissen wir und was wissen wir nicht? – so ergibt sich folgendes Bild.

Wir haben erfahren:

1. daß Chruschtschow, wie er selber sagte, Rücksicht auf die öffentliche Meinung in seinem Lande nehmen muß – ein Geständnis, das noch kein sowjetischer Diktator ablegte ...

2. daß der Stein des Anstoßes zwischen Ost und West nicht zwangsläufig Berlin ist...