Der Massenmörder gehört vor ein internationales Tribunal

Von Theo Sommer

Hätte ein einzelner Jude Adolf Eichmann auf offener Straße niedergeschossen, der ganze Fall läge viel einfacher. Denn ein solcher Vendetta-Mord an dem Millionenmörder, verübt von einem der Hölle von Auschwitz Entronnenen – ein solcher privater Akt der Rache und Vergeltung hätte die ungeschriebenen Paragraphen sühnender historischer Gerechtigkeit für sich gehabt. Und wenngleich die Tat keine Sanktion durch die Paragraphen irdischer Justiz gefunden hätte, wäre dem Täter mitfühlendes Verständnis und nachsichtig-einsichtige Beurteilung nicht versagt geblieben.

So aber ist der Fall komplizierter und problematischer. Nicht ein einzelner hat ja um der gerechten Sühne willen Recht gebrochen: ein Staat hat es getan, der Staat Israel, der sich als Sachwalter der verfolgten und hingemordeten Juden fühlt. Er brach das Völkerrecht, indem er Eichmann unter Verletzung der argentinischen Souveränität aus Buenos Aires entführte. Daran ist nicht zu deuteln, und die verspäteten israelischen Vertuschungsversuche wirken denn auch wenig überzeugend.

Zwar ist da die schriftliche Erklärung Eichmanns, er habe sich den Agenten Israels „freiwillig“ gestellt – aber was soll dies schon besagen? Ein Geheimdienst, der im Notfall kein solches Schriftstück zu produzieren vermöchte, wäre seinen Budgetposten nicht wert. Die überzeugendste Widerlegung der Freiwilligkeitsthese liefert aber wohl Eichmanns kaputte Brille: sie nämlich wurde an jener Stelle gefunden, an der die israelischen Agenten den SS-Obersturmbannführer vom Bürgersteig in ihr Auto zerrten. Es muß also ein Handgemenge gegeben haben. Ein freiwilliges Handgemenge?

Entführung, mithin Völkerrechtsbruch – Israel kommt nicht darum herum. Eine Entführung ist nun einmal auch dann rechtswidrig, wenn sie einen Massenmörder betrifft. Andererseits aber führen die Israelis eines zu ihrer Entlastung ins Feld: ihr Motiv. Sie brachen Recht, auf daß Recht werde.

Das ist ein ehrenwertes Motiv, und man sollte es nicht mutwillig verkleinern. Gewiß wird stets ein Unbehagen über das israelische Vorgehen zurückbleiben, ein Unbehagen, dessen Äußerungen nicht als bloße formaljuristische Quisquilien abgetan werden dürfen. Doch gilt es gleichwohl einzusehen, daß Ben Gurions Agenten sozusagen im Rechtsnotstand handelten. Mit Fug konnten sie bislang vermuten, daß die Regierung in Buenos Aires einem Auslieferungsbegehren nicht oder nur nach endlosem Hinhalten stattgeben werde; die Behörden der Bundesrepublik Deutschland haben das ja schon erlebt – etwa in den Fällen Klingenfuß und Mengele, zwei „Endlosem“, die nach Argentinien geflohen waren. Hätten die Argentinier Eichmann verfolgt, wie es das Recht verlangt hätte – so argumentierten die Israelis –, dann hätten sie ihn nicht zu entführen brauchen ...